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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder beim Festgottesdienst am 27. August 2017 in Basel anlässlich des 70-jährigen Bestehens von „Kirche in Not“

Brüder und Schwestern im Herrn,

der Herr baut seine Kirche. Dies sagt uns das heutige Evangelium (Mt, 16,13-20). Ausgehend vom Fundament, welches Simon, der Sohn des Jonas ist, und den Jesus selber zum Felsen, das heißt, zum sicheren Grundstein macht, baut Jesus seine Kirche: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18).1 Es gilt eben auch für die Kirche das Wort, welches Jesus an einer anderen Stelle sagt: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut“ (Mt 7,24-25). So baut auch Jesus seine Kirche auf Fels, und nicht auf Sand.  

        Jesus baut seine Kirche, indem er Menschen beruft und sie durch die heilige Taufe zur Gemeinschaft seiner Kirche führt, sie in seine Gemeinschaft eingliedert, damit sie das Heil empfangen. Wir nennen diese Gemeinschaft die Gemeinschaft der Heiligen. – Zur Gemeinschaft der Heiligen sind alle Menschen berufen. Denn das Reich Chris­ti, so sagte es vor bald hundert Jahren bereits Papst Pius XI. (1922-1939), umfasst alle Menschen2. Warum? Weil Gott der Schöp­fer aller Menschen ist. Dies bestätigt uns die heutige zweite Lesung: „Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung“ (Röm 11,36­). Der Mensch ist aus dem dreifaltigen Gott, er ist durch den dreifaltigen Gott und er ist auf den dreifaltigen Gott hin geschaffen.

        Jesus baut seine Kirche nicht allein. Er beruft Menschen, den Glauben zu verkünden. Sie erfüllen den Missionsauftrag der Kirche. Sie sind Missionare, das bedeutet Gesandte, Gesandte des Herrn (vgl. 2 Kor 5,20). – Durch den Missionsauftrag kommt die Kirche mit allen Kulturen und Religionen in Kontakt. Denn sie schuldet allen Menschen die Botschaft des Evangeliums. ­Sie versucht daher auch, die Werte der Kulturen und Religionen in ihre Verkündigung zu integrieren und sie als Grund­lage für die Glaubensverkündigung zu benutzen. Denn vom heiligen Ambrosius (333 oder 339 – 397) oder von einem seiner Schüler stam­mt der Ausdruck: „Alles Wahre, von wem immer es gesagt wird, stammt vom Heiligen Geist“.­

        Die Kirche war immer bestrebt, die positiven Werte, das Wahre, anderer Kulturen und Religionen zu erkennen und für ihren Auftrag fruchtbar zu machen, um auf diese Weise auch den Menschen anderer Kulturen und Religionen in ihrem Schoße ­schnel­ler Heimat zu geben. So hat sich auch das Zwei­te Vatikanum entsprechend verlautbaren lassen und sagt uns in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht­christlichen Religionen Nostra aetate: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“.3

        Diese Haltung finden wir schon in der frühen Kirche. Der heilige Gregor von Nazianz (329/330 – 390) zum Beispiel äußert sich folgendermaßen: „Ich glaube, darin stimmen alle Verständigen überein, dass Bildung das erste unserer Güter ist: nicht nur jene hocherhabene, uns eigene, die jede Anmut und jeden Schmuck der Rede ver­schmäht und sich nur an das Heil und die Schönheit der Wahrheiten hält4, sondern auch die heidnische, welche die meisten Christen als schädlich und gefährlich und als von Gott wegführend verachten. Doch dürfen wir Himmel und Erde, die Luft und alles, was dazu gehört, nicht deshalb verachten, weil einige eine verkehrte Anschauung davon gehabt haben, indem sie die Werke Gottes als Gott verehrten. Wir müssen vielmehr davon gebrauchen, was zum Leben und zur Freude dienlich ist, und vermeiden, was gefährlich ist“.5

        Weil die Kirche in dieser positiven Haltung auf die nichtchristlichen Religionen zugeht, ist es für uns ein umso größerer Schmerz, dass viele unserer Mitchristen in einigen Gegenden und Ländern der Welt Not und Verfolgung leiden. Wir leiden mit ihnen. Wir möchten etwas für sie tun. Doch wir sind oft ratlos. Wohl sind wir mit ihnen immer im Gebet verbunden. Wohl lassen wir ihnen nach Möglichkeit Hilfsgüter zukommen. Wohl versuchen verschiedene Organisationen auf höchster Ebe-ne für die Verbesserung ihrer Situation Einfluss zu nehmen. Dafür sind wir allen für ihren Einsatz zu tiefem Dank verpflichtet. Doch es scheint, als würden wir ins Leere laufen und nicht verstanden werden. Es kommt sodann unweigerlich die Frage auf: War die Erklärung des Konzils nutzlos? Hat sie den Dialog mit den Kulturen und Religionen wirklich gefördert? Oder war sie einseitig kirch­lich? War sie illusorisch? Hat sie nichts gebracht? Ja, es kommen auch Reaktionen der Bitterkeit, des Unmuts und selbst der Vergeltung auf.

        Wenn solche Gedanken und Gefühle an uns herankommen, müssen wir immer wieder zurückkehren zu den Grundlagen unseres Glaubens, zum Felsen, auf den Christus seine Kirche gebaut hat und weiterhin baut. Denn in diesen Felsen ist die ganz Haltung unseres Herr eingegangen, welche sich in unserem Fall auf die Worte hin verdichtet: „Lie­bt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen“ (Lk 6,27-28). Nur aus einer solchen Haltung heraus kann letztendlich Frieden werden. Nur eine solche Haltung kann die Welt verändern. Nun eine solche Haltung wird die Welt davon überzeugen, dass durch Jesus, den Sohn Gottes, wirklich die Fülle der Offenbarung in die Welt gekommen ist. Amen.  ­­

Einleitende Worte

Was ist Religionsfreiheit? Religionsfreiheit meint das zivile Recht eines jeden Menschen, seinen Glau­ben zu leben und zu bekennen. Der Staat hat eine Religion und ihren Inhalt nicht zu beurteilen. Er hat die Bürger in Hinblick auf die Religionsausübung korrekt zu behandeln.­

        Die Grenzen dieser Freiheit liegen dort, wo durch angebliche religiöse Ideen und Vorstellungen Unrecht und Gewalt ge­schieht, die öffentliche Ordnung schwer gestört und der Friede gefährdet wird.

        Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat dieses Recht in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Staaten und Regierungen gegenüber formuliert, da Christen im damaligen Ostblock Benachteiligungen und Verfolgungen ausgesetzt waren. Die Aussagen des Konzils haben aber einen überzeitlichen Wert und gelten unter veränderten politischen Entwicklungen auch heute. Beten wir, dass dieses zivile Recht auch in unserer Zeit in allen Staaten respektiert und geschützt wird. 

1            So die neue Einheitsübersetzung (2016).

2            PIUS XI., Enzyklika Quas primas, in: Acta Apostolicae Sedis 17 (1925), 600: „Pertanto il dominio del nostro Redentore abbraccia tutti gli uomini, come affermano queste parole del Nostro predecessore di immortale memoria Leone XIII, che Noi qui facciamo Nostre.

3            ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, Nr. 2.

4            Gemeint ist damit die christliche Bildung.

5            GREGOR VON NAZIANZ, Trauerrede auf Basilius den Großen 11: Texte der Kirchenväter, Hg. HEILMANN / KRAFT, 3 (München 1964), 30f.