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Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder in der Hl. Messe anlässlich des Studierendentreffens vom 15. Februar 2015

Brüder und Schwestern im Herrn,
der Herr schenkt einem Aussätzigen die Reinheit, das heißt zunächst die Gesundheit. Doch bedeutet Reinheit in diesem Zusammenhang weit mehr, nämlich die erneute Eingliederung in die Gemeinschaft. Auch hier geht es um weit mehr. Es geht um die Eingliederung in die Gemeinschaft des Volkes Gottes. Eine strenge Gesetzesregelung, wir haben sie in der ersten Lesung gehört, hielt den Aussätzigen von dieser Gemeinschaft fern. Die Maßnahme lässt sich verstehen. War doch der Aussatz eine ansteckende Krankheit, und musste das Volk davor geschützt werden. Schließlich geht es aber nicht nur um diesen äußeren Schutz. Es geht Jesus um einen geistigen Zustand, den er in der Bergpredigt so zum Ausdruck bringt: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Die Reinheit führt zur Gottesschau, die Unreinheit hält davon fern.
Indem nun Jesus dem Aussätzigen die Reinheit schenkt, führt er ihn in die Gemeinschaft des Volkes Gottes zurück. Er führt ihn aus dem Zustand der Gottesferne in den Zustand der Gottesnähe. Noch deutlicher wird uns dies im Evangelium vom
7. Sonntag des Lesejahres B vor Augen geführt, da Jesus einem Gelähmten zunächst die Sünden vergibt und ihn erst dann, zum Zeichen der Vergebungsvollmacht, heilt. In der Veranlagung des laufenden liturgischen Jahres fällt dieses Evangelium allerdings aus. Deshalb erwähne ich es heute. Denn erst bei der Zusammenschau der beiden Evangelien, des sechsten und des siebten Sonntages im Jahreskreis B, dringen wir in die ganze Breite und die Tiefe des Handelns unseres Herrn vor, nämlich zum Ziel seines Kommens in diese Welt, zur Vergebung der Sünden. Vergebung der Sünden heißt immer Rückführung ins Leben Gottes, in die volle Gemeinschaft mit Gott. Auf diese Weise wirkt Jesus verändernd. Er verwandelt den Menschen. Er schenkt dem Menschen in der Gottesferne die Möglichkeit der Gottesnähe. Er befähigt ihn zum Leben in Gott. Das bedeutet eben, dass sich im Leben eines Menschen, der von Jesus berührt wird und der sich anderseits von Jesus berühren lässt, wie der Aussätzige des heutigen Evangeliums, eine Veränderung eintritt.
Ich hatte vergangene Woche die Gelegenheit, mich ihn Rom aufzuhalten. Ich war Gast bei einer Gemeinschaft auf dem Caelius. Das ist einer der sieben Hügel, auf welchen das antike Rom erbaut wurde. Heute steht dort neben einem Klostergebäude die Kirche der heiligen Johannes und Paulus. Diese zwei Heiligen, und damit sind nicht die Apostel gemeint, werden im römischen Kanon genannt. Sie mussten demnach eine eigene Bedeutung für die Kirche Roms gehabt haben. Sie waren Brüder, lebten im dritten / vierten Jahrhundert und bekehrten sich vom Heidentum zum christlichen Glauben. Sie stellten ihre Häuser, welche sich eben auf dem Caelius befanden, der christlichen Gemeinde zur Verfügung, so dass dort, über den privaten Gebäuden der beiden Brüder, eine Kirche erbaut werden konnte. Heute noch kann man unter der Kirche die ehemalige römische Residenz besichtigen und einen Eindruck von der römischen Wohnkultur erhalten.
Da lässt sich nun auch, gerade im Sinne des heutigen Evangeliums, eine Veränderung, oder eben eine Gesundung in der Lebensführung, feststellen. Der Mensch, der sich zum christlichen Glauben bekehrt, wandelt sich. Er ändert auch seine Sitten und Bräuche. Er streift das Heidnische ab und nimmt das Christliche an. Er wird geistigerweise rein. Wir erinnern uns an die Worte des heiligen Paulus im Brief an die Römer: „Wie ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und Gesetzlosigkeit gestellt habt, so dass ihr gesetzlos wurdet, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit, so dass ihr heilig werdet. Denn als ihr Sklaven der Sünde wart, da wart ihr der Gerechtigkeit gegenüber frei. Welchen Gewinn hattet ihr damals? Es waren Dinge, deren ihr euch jetzt schämt; denn sie bringen den Tod“ (Röm 6,19-21). Diese „Dinge“ waren die heidnische Lebensweise, von der sich die Bekehrten abwandten. Eine Andeutung dessen erhalten wir in der heutigen Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, wenn er sagt, wir sollten weder Juden noch Griechen Anlass zu einem Vorwurf geben (1 Kor 10,32). Was das bedeutet, kommt vor allem in den Kapiteln 1 Kor 5 – 11 zum Ausdruck. Ich empfehle Euch, diesen Teil des Briefes in den nächsten Tagen zu lesen. Einiges haben war ja schon an den vergangenen Sonntagen, das heißt, seit dem zweiten Sonntag im Jahreskreis, gehört. Doch lohnt es sich, den ganzen Abschnitt Kapitel 5 – 11 im Zusammenhang und in einem Zug zu lesen.
Kehren wir zur Bekehrung der zwei römischen Brüder zurück. Sie hatte sogar ikonographische Folgen, also Folgen in bildlichen Darstellungen und Szenen, welche in römischen Villen sehr beliebt waren. Zwei Säulen der Lebensweise der Antike, der griechischen und der römischen, waren der Schöngeist (Philosophie, Literatur, Gnosis) und der Lebensgenuss (Gaumenlust, Schauspiel, Erotik), und dies eben bis in die Ikonographie und in die bildende Kunst hinein. So finden wir auch in den römischen Herrschaftshäusern der Antike Darstellungen einerseits von Philosophen und anderseits von Unterhaltungsdamen. Nun lässt sich diesbezüglich eben in der Residenz der zwei Brüder eine Veränderung ihrer Lebenseinstellung nachzeichnen, und dies durch Übermalung oder Teilübermalung eben solcher Bilder und Kunstwerke: Aus Philosophen werden Apostel, aus Unterhaltungsdamen werden „Oranten“, betende Menschen, in diesem Fall betende Frauen. Da hat der christliche Glaube einiges verändert und eine Reinigung, eine Läuterung, bewirkt.
Es scheint, dass wir heute diesbezüglich eher auf einem regressiven Kurs sind: Vom Christlichen zum Heidnischen, von der Gottesnähe zur Gottesferne, vom Volk Gottes zu einem Volk von dieser Welt. Deshalb wollen wir, wie der Aussätzige, dem Herrn entgegengehen, und ihn auf den Knien bitten: „Wenn du willst, kannst du machen, dass wir rein werden“. Amen.