Navi Button
Bistum Chur

Predigt von Bischof Vitus Huonder zum Abschluss des Studienjahres 2013/2014 im Priesterseminar St. Luzi bzw. an der Theologischen Hochschule Chur am Freitag, 20. Juni 2014

Brüder und Schwestern im Herrn,
wir beenden das Studienjahr wie üblich mit der heiligen Eucharistie. In diesem Jahr fällt dieser Abschluss auf den Tag nach einer bedeutenden liturgischen Feier, nämlich Fronleichnam, Hochfest des Leibes und Blutes unseres Herrn Jesus Christus. Ich möchte daher diese Gelegenheit wahrnehmen, um einige Gedanken über die Messfeier mit in den Urlaub zu geben. Ich mache dies nicht zuletzt, weil mir bei den Visitationen der Pfarreien auffällt, dass einige kirchliche Mitarbeiter ein distanziertes Verhältnis zur Eucharistiefeier haben und Sonntage ohne heilige Messe verbringen können. Es kann nicht sein, dass Kinder- und Jugendlager an Wochenenden ohne heilige Messe stattfinden, nicht zuletzt wegen jenen Personen, welche im kirchlichen Dienst stehen und dafür Verantwortung tragen. Dabei müsste doch eben diese Feier der zentrale Inhalt der Evangelisierung sein, so auch in der für die Zukunft der Kirche bedeutenden Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Denn der Höhepunkt der christlichen Initiation ist die Teilnahme am heiligen Messopfer und der Empfang der heiligen Kommunion.
In Evangelii gaudium sagt Papst Franziskus: „Der erste Beweggrund, das Evangelium zu verkünden, ist die Liebe Jesu, die wir empfangen haben; die Erfahrung, dass wir von ihm gerettet sind, der uns dazu bewegt, ihn immer mehr zu lieben“ (264). Wenn dem so ist, dann muss unsere Hingabe ans allerheiligsten Sakrament vorrangig sein. Denn es ist das Sakrament, welches die Liebe des Herrn zu uns in höchstem Maß zum Ausdruck bringt. „Die Heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben; so werden sie ermuntert und angeleitet, sich selbst, ihre Arbeit und die ganze Schöpfung ihm darzubringen. Darum zeigt sich die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt der Evangelisation“, so lesen wir in Presbyterorum Ordinis 5, im Dekret des Zweiten Vatikanums über Dienst und Leben der Priester.
Nun, die heilige Eucharistie lieben und wertschätzen bedeutet zunächst sie zu kennen. Lieben heißt eben auch kennen. Ich muss jemanden kennen, um ihn zu lieben. Eine größere Kenntnis bewirkt eine größere Liebe. Eine bessere Kenntnis des allerheiligsten Sakraments bewirkt auch eine größere Liebe zu diesem wunderbaren Geheimnis des Glaubens.
Ursprung und Quelle der Eucharistiefeier ist das Opfer Christi am Kreuz. Bei der heiligen Messe werden wir mit diesem Opfer verbunden sowie in dieses Opfer hineingenommen, und wir empfangen den Leib des Herrn, der hingegeben wird, das Blut, das vergossen wird. Hingegeben wird der Leib am Kreuz, vergossen wird das Blut am Kreuz. Deshalb steht das Opfer Christi im Zentrum des eucharistischen Geschehens, und die Kirche lehrt, dass die heilige Messe ein Opfer und ein Sakrament ist. Sie ist nicht nur ein Sakrament, ein wirkmächtiges Zeichen unseres Glaubens wie Taufe, Firmung und die weiteren Sakramente. Sie ist ein Opfer, sie ist das Kreuzesopfer. Das zeigt uns die ganze Bedeutung der heiligen Messe auf.
Die Lehre der Kirche führt uns dann zu weiterer Klarheit. Die heilige Messe ist nicht nur das Gedächtnis des Kreuzesopfers, die heilige Messe ist ein Opfer, wohl immer mit ihrem Ursprung im Kreuzesopfer, aber als wirkliches Opfer hier und heute. Dazu gibt uns, mit Berufung auf das Tridentinum, die Konstitution des Zweiten Vatikanums über die Liturgie Sacrosanctum Concilium den folgenden Hinweis: „Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen (im lateinischen Urtext heißt das perpetuare) und so der Kirche, seiner geliebten Braut, eine Gedächtnisfeier seines Todes und seiner Auferstehung anzuvertrauen“. Die Eucharistie ist das fortdauernde Opfer. Wir nehmen also nicht nur an einer Gedenkfeier teil, wir nehmen an einem Opfer teil und empfangen auf diese Weise alle Gnadengaben, welche aus diesem Opfer hervorgehen, vor allem die Reinigung der Sünden der Lebenden und der Toten.
Am Hohen Donnerstag betet die Kirche über den Opfergaben: „Herr, gewähre uns, dass wir dieses Geheimnis würdig begehen; denn so oft wir das Gedächtnis dieses Opfers feiern, vollzieht (im lateinischen Urtext exercetur) sich an uns das Werk der Erlösung“. Und in der Einleitung ins Messbuch wird die Art des Opfers genau umschrieben als ein Opfer des Lobes, des Dankes, der Versöhnung und der Sühne. Eben die zwei letzten Gedanken sind für die Lehre der katholischen Kirche bezeichnend. Durch die heilige Messe bringen wird dem Vater im Himmel wohl unseren Dank und unser Lob dar, aber ebenso stellen wir uns mit diesem Opfer unter die versöhnende ,verzeihende (propitiatorische) sündenvergebende und sühnende (satisfaktorische) Kraft der Eucharistie, und, ich wiederhole, hier und heute. Die Eucharistiefeier erinnert uns wohl an das Kreuzesopfer, aber es bewirkt auch als sakramentale Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Versöhnung und Sühne. So vollzieht sich in jeder heiligen Messe das Werk unserer Versöhnung. Jede heilige Messe ist deshalb ein unermessliches, nicht genügend zu würdigendes Geschenk des himmlischen Vaters an die Menschheit, ganz besonders an jene, die daran teilnehmen.
Die Konsequenz daraus ist: Wir müssen für die regelmäßige, tägliche Feier der Eucharistie in unseren Pfarreien besorgt sein, vor allem aber für die Feier am Sonntag, und wir müssen die Gläubigen so weit bilden und bewegen, dass sie, auch bei einem längeren Weg, die sonntägliche Eucharistiefeier besuchen. Niemals darf eine Wortgottesfeier die heilige Messe am Sonntag ersetzen, ja verdrängen. Hierin sind besonders auch die Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten gefordert, welche als Pfarreibeauftragte wirken.
Damit kommen wir zurück auf Evangelii gaudium: „Der erste Beweggrund, das Evangelium zu verkünden, ist die Liebe Jesu, die wir empfangen haben; die Erfahrung, dass wir von ihm gerettet sind, der uns dazu bewegt, ihn immer mehr zu lieben“. In der Eucharistiefeier kommt diese ganze Liebe des Herrn zum Ausdruck, weshalb das heilige Messopfer wirklich Quelle und Höhepunkt der ganzen Evangelisation ist. Eine tiefgehende Evangelisation ist nicht möglich ohne eine übergrosse Liebe zum heiligen Messopfer und zum allerheiligsten Sakrament. Amen.