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Bistum Chur

Einleitende Worte von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Sitzung des Priesterrats vom 20. März 2013 im Priesterseminar St. Luzi, Chur, zum Thema „Reform der Kirche“

Liebe Ratsmitglieder,

am vergangen Mittwoch, am 13. März 2013, tagte der Rat der Laientheologen, Laientheologinnen und Diakone. Im Rahmen der Diskussion über die Pfarrei-Initiative war die Rede von den Reformen der Kirche. Reformen wären meistens von unten gekommen. Als Beispiel wurde der heilige Franziskus genannt. Noch waren wir alle auf den Ausgang der Wahl des neuen Papstes gespannt. Kaum jemand hätte gedacht, dass der neu gewählte Heilige Vater den Namen Franziskus tragen würde.

Nun, ich war über die Nennung des heiligen Franziskus als Reformer von unten her etwas überrascht, weil unter Reform von unten heute etwas anderes verstanden wird. Sicher ist, dass die Reformbewegung, welche vom heiligen Franz ausging, eine evangelische Reform im wahrsten Sinne des Wortes war, nämlich eine Reform auf der Grundlage der evangelischen Räte, auf der Grundlage von Armut, Gehorsam und Keuschheit. Nicht umsonst tragen alle Söhne des heiligen Franz den Strick mit den drei Knoten. Ich bin sehr glücklich, wenn die Reform, von der immer wieder die Rede ist, auf den genannten Räten aufbaut. Nur ist es dann nicht so sehr eine Reform, wie sie in bestimmten Kreisen von Rom oder von irgend einer Kirchenprovinz oder einfach von andern erwartet wird, sondern eine Reform, welche ich ganz persönlich vollziehen muss, so dass von jedem Ich ausgehend die Kirche neu und strahlend wird.

Über die evangelischen Räte sagt das Konzil in der dogmatischen Konstitution über die Kirche: „Die evangelischen Räte der Gott geweihten Keuschheit, der Armut und des Gehorsams sind, in Wort und Beispiel des Herrn begründet und von den Aposteln und den Vätern wie auch den Lehrern und Hirten der Kirche empfohlen, eine göttliche Gabe, welche die Kirche von ihrem Herrn empfangen hat und in seiner Gnade immer bewahrt“ (46). Das bedeutet, dass dieses Reformpotential auch heute noch in der Kirche gegenwärtig ist, und dass wir alle dazu beitragen müssen, dass es aktiviert wird. Weiter sagt das Konzil in derselben Konstitution: „Durch die Gelübde oder andere heilige Bindungen, die jeweils in ihrer Eigenart den Gelübden ähnlich sind, verpflichtet sich der Christgläubige zu den drei genannten evangelischen Räten und gibt sich dadurch dem über alles geliebten Gott vollständig zu eigen, so dass er selbst durch einen neuen und besonderen Titel auf Gottes Dienst und Ehre hingeordnet wird. Er ist zwar durch die Taufe der Sünde gestorben und Gott geweiht. Um aber reichere Frucht aus der Taufgnade empfangen zu können, will er durch die Verpflichtung auf die evangelischen Räte in der Kirche von den Hindernissen, die ihn von der Glut der Liebe und der Vollkommenheit der Gottesverehrung zurückhalten könnten, frei werden und wird dem göttlichen Dienst inniger geweiht“ (44).

Franziskus – die evangelischen Räte – die Reform auf der Grundlage des wahren Konzils (wie es Papst Benedikt XVI. in seiner letzten Begegnung mit dem Klerus von Rom formuliert hat), das wären Hilfen, um der Kirche auch in unseren Gegenden und Provinzen neuen Glanz zu verleihen. Dazu möchte ich schließlich das Testament des heiligen Franz zitieren, jedenfalls den ersten Teil, der sich an die Allgemeinheit richtet. Darin spüren wir den authentischen Geist des Heiligen: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Busse zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt. Und der Herr gab mir in den Kirchen einen solchen Glauben, dass ich in Einfalt so betete und sprach: ‚Wir beten dich an, Herr Jesus Christus — und in allen deinen Kirchen, die in der ganzen Welt sind, und preisen dich, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast‘. Danach gab und gibt mir der Herr einen so großen Glauben zu den Priestern, die nach der heiligen Römischen Kirche leben, wegen ihrer Weihe, dass ich, wenn man mich verfolgen würde, bei ihnen Zuflucht suchen will. Und wenn ich so große Weisheit hätte, wie Salomon sie gehabt hat, und fände armselige Priester dieser Welt — in den Pfarreien, wo sie weilen, will ich nicht gegen ihren Willen predigen. Und diese und alle anderen will ich fürchten, lieben und ehren wie meinen Herrn. Und ich will in ihnen die Sünde nicht sehen, weil ich den Sohn Gottes in ihnen erblicke und sie meine Herren sind. Und deswegen tue ich das, weil ich leiblicherweise von ihm dem höchsten Sohn Gottes in dieser Welt nichts sehe als seinen heiligsten Leib und sein heiligstes Blut, das sie selbst empfangen und sie allein den anderen darreichen. Und diese heiligsten Geheimnisse will ich über alles hochgeachtet, verehrt und an kostbaren Stellen aufbewahrt wissen. Die heiligsten Namen und seine geschriebenen Worte will ich, wo immer ich sie an ungeziemenden Stellen finden werde, auflesen und bitte, dass sie aufgelesen und an einen ehrbaren Ort hingelegt werden. Und alle Gottesgelehrten und die Gottes heiligste Worte mitteilen, müssen wir hochachten und verehren als die uns Geist und Leben mitteilen (vgl. Joh 6,64).“ Möge uns die Erneuerung der Kirche aus dem Geist des heiligen Franziskus gelingen.