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Kinder brauchen den Vater

Überlegungen nicht nur zum Fest des hl. Josef
von Domherr Christoph Casetti, Chur


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Eine vaterlose Gesellschaft...

Die Vaterlosigkeit ist fraglos eines der grossen Probleme unserer Zeit. "Mein Vater?", sagt eine 16jährige, "den gibt es für mich nur alle vier Wochen als Bonbon. Dann gehe ich mit ihm zu McDonald's. Und das findet er schön, weil ich schön bin. Aber sonst kann man den vergessen. Jedenfalls ist er nicht da, wenn man ihn braucht. Er ist zu seiner neuen gezogen. Seitdem müssen Mama und ich schauen, wie wir durchkommen."
"Vater - was ist das?", fragt ein 18jähriger. "Meinen leiblichen Vater habe ich nie gekannt. Ich bin unehelich geboren. Neulich habe ich nachgezählt. Ich habe insgesamt 12 Liebhaber meiner Mutter kommen und gehen sehen. Da war nicht einer, der sich als Vater geeignet hätte."
Man spricht heute von der äusseren und inneren Abwesenheit der Väter. Äusserlich abwesend sind diejenigen Väter, die ihrer Verantwortung entfliehen, indem sie die Mütter und ihre Kinder allein lassen. Das gilt nicht nur für Trennungs- und Scheidungssituationen, sondern auch für die Väter, die so mit dem Beruf oder dem Sport verheiratet sind, dass sie für die Familie kaum Zeit haben. Bei der Verabschiedung eines Chefarztes konnte man den boshaften Spruch hören: eine Arztfrau sei eine Witwe, deren Mann noch nicht gestorben ist. Das gilt aber auch für andere berufs- und hobbyvernarrte Väter.
Bei der inneren Abwesenheit sind die Väter gemeint, die, was ihr seelisches Alter betrifft, immer etwa ein Jahr jünger sein wollen als der jüngste Sohn. Es sind Väter, die alles, aber auch wirklich alles verstehen und natürlich auch billigen. Sie gehen mit ihren Söhnen womöglich auch noch haschen und würden die eigene Jugendlichkeit am liebsten verewigen.

... und die Folgen

Auf diese Weise äusserlich oder innerlich abwesende Väter behindern die Pubertät ihrer Kinder. Es wird den Jugendlichen unmöglich gemacht, im Protest gegen einen verlässlichen Widerstand zu reifen und die eigene Position aufzubauen. Die allgemein beklagte aggressive Verwahrlosung, die zunehmende Gewaltbereitschaft der Jugend ist nicht zuletzt die Folge der fehlenden Väter. Die Jugendlichen suchen Personen, die ernsthaft standhalten. Auch Ersatzväter bieten sich nicht mehr an. Viele Lehrer sind der pädagogischen Auseinandersetzungen mit ihren Schülern schon längst überdrüssig. Sie verzichten auf jeden Bildungsanspruch und verstehen sich nur noch als neutrale Wissensvermittler, bei denen Widerstand ins Leere läuft.
Übrigens lässt sich viel von der Feindseligkeit der Gesellschaft gegen die katholische Kirche und vor allem gegen den Heiligen Vater psychologisch deuten als eine Art kollektive Pubertät. Die Kirche mit dem Papst und den Bischöfen bietet die letzten Vaterfiguren, gegen die man nach der Abdankung der Väter alle pubertären Aggressionen ausleben kann.

Der entwurzelte Mensch

Das Verschwinden der Väter aus der Alltagserfahrung der Kinder und die Erlebnisse mit den vielen Fehlformen von Väterlichkeit hat dazu geführt, dass viele mit dem Wort Vater nichts mehr anzufangen wissen. Am verheerendsten wirkt sich vielleicht aus, dass die Väter fehlen als Bindeglied zum Ursprung, zu Gott, dem Vater, der alles erschaffen hat. Damit geht das Bewusstsein verloren, dass wir nicht autonom und völlig unabhängig sind. In fast allem bauen wir auf dem auf, was vor uns war. Im heutigen Fortschrittsrausch tun wir so, als wäre alles Wesentliche bestenfalls das Ergebnis des Schaffens der jüngsten Vergangenheit, wahrscheinlich aber Folge unseres heutigen Bemühens. Aber das ist gar nicht wahr! In Wirklichkeit ist es so, dass jede Generation auf einem gigantischen Kapital aufbaut, das aus der Hand Gottes kommt. Jedes Kind ist auf die Liebe seiner Eltern angewiesen. Durch diese muss es in die Grundregeln der zwischenmenschlichen Beziehungen eingeführt werden. Auch die Sprache, mit der wir die Welt geistig zu erfassen suchen, haben wir nicht selbst gemacht. Wir nutzen das vorhandene Kapital an Wissen und materiellen Ressourcen und profitieren von den gegebenen Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Fast alles, was wir sind und haben, verdanken wir Gott und unseren Vorfahren.
Die Abschaffung der Väter geht Hand in Hand damit, dass wir nicht mehr zurück, sondern nur noch nach vorn blicken. Nicht mehr der erfüllende Lebensentwurf des Vaters ist Modell für den Sohn, sondern der Stil der Jugend Modell für das Alter. Diese Umkehrung beraubt uns aller Sicherheiten. Ständig brechen wir die Brücken hinter uns ab und hetzen in eine ungewisse Zukunft, in der alles von Menschenhand gemacht und daher enorm bedroht ist. Wie zerbrechlich ist doch alles, was wir zustande bringen - unsere Werke und unsere Beziehungen!

Die Väter als Brücken zum Vater im Himmel

Nun, was ist die Alternative dazu? Es ist die wohlverstandene "Wiederentdeckung" der Väter und damit der Brückenschlag zum Vater im Himmel. Ich denke, dieses Jahr des Vaters in der Vorbereitung auf das Jubiläum 2000 und die weitverbreitete Vaterlosigkeit sind eine Chance dazu. Sie sind eine Herausforderung, tiefer über das Wesen der Väterlichkeit nachzudenken. Das soll zum Beispiel auch geschehen am Internationalen Familienkongress, der vom 13. bis 16. Mai dieses Jahres in Luzern stattfindet. Alle, denen die Familie am Herzen liegt, sind eingeladen. (Informationen, Anmeldungen: CBS, Familienkongress, Technoparkstr. 1, 8005 Zürich, Tel. 01 445 34 50, Fax 01 455 34 55) Aber Familie sind nicht einfach nur Personen, die aus dem gleichen Kühlschrank essen. Familie sind Mütter, Väter und Kinder, selbst wenn das nicht mehr so deutlich in der neuen Bundesverfassung stehen sollte!
Ein weltlich bemühter Vater bringt seine Begabungen ein, seinen Drang, aktiv zu sein, zu gestalten und für die materielle Basis der Seinen zu sorgen. All das ist wichtig. Er wird sich ausserdem bemühen, Ziele vorzugeben und seine Kinder zu ermutigen, über sich hinauszuwachsen. Er wird aber auch Grenzen setzen und deren Einhaltung überwachen, Ordnungen schaffen und absichern. Das alles sind wichtige Aufgaben, die heute zu kurz kommen.
In diesen Begabungen weist der Vater übrigens auf den schöpferischen, ordnenden, allmächtigen Gott hin. Wer diese Funktionen jedoch überwiegend weltlich ausübt, ist jedoch ständig in Gefahr, in persönliche Machtausübung, Prinzipienreiterei und Unterdrückung abzugleiten. Solche Väter verstellen aber den Blick auf den Vater im Himmel, dessen Wesen sich ja nicht im Erschaffen und Ordnen erschöpft; es offenbart sich noch tiefer in der liebevollen Zuwendung.

"Nur einer ist euer Vater"

Die Betrachtung des Vaters im Gleichnis vom verlorenen Sohn lässt uns das Wesen der Vaterschaft erkennen: Der Vater teilt, was er hat. Er unterdrückt nicht, lässt vielmehr sogar den Jüngeren, den Unreifen, ziehen. Er gibt also Freiraum, hält sein Gut nicht zurück, verhärtet sich nicht, ist nicht beleidigt, in seiner Ehre gekränkt, sondern er wartet geduldig, gibt nicht auf, hält Ausschau. Er geht entgegen, vergibt, schenkt einen neuen Anfang, feiert ein Fest und hilft sogar den anderen aus ihrer Kränkung heraus.
Diese Barmherzigkeit ist nicht Schwäche, nicht resignierte Nachgiebigkeit. Sie ist unumstössliches Beharren auf dem Ja zum geliebten Kind. Sie hält stets fest an der unzerstörbaren Würde auch des Versagers, selbst wenn alles gegen diesen spricht. Das Ja des Vaters ist unwiderruflich. Es übersteigt alle Lebensumstände und vermittelt damit dem Kind die lebenswichtige Grunderfahrung: Was immer dir passiert, was immer du tust, ich stehe zu dir. Gemeinsam finden wir heraus - aus jeder Misere.
Diese Gedanken erinnern mich an das Wort Jesu: "Nur einer ist euer Vater, der im Himmel" (Mt 23,9). Nur der Vater im Himmel liebt so. Er ist ja die Liebe, wie wir im Johannesbrief lesen. Die menschlichen Väter haben die Kraft zu einem so unbedingten Ja nicht aus sich selbst. Sie wird ihnen aber in dem Mass geschenkt, wie sie sich als Kinder Gottes nach ihr ausstrecken.

Das Beispiel des hl. Josef

Dieser Umstand wertet die Väter keineswegs ab, im Gegenteil. Wie wichtig der Vater ist, macht uns die Gestalt des heiligen Josefs klar. Selbst der Mensch gewordene Gott brauchte einen menschlichen Vater. Josef übernahm dabei einen Dienst, der ihn offensichtlich überfordern musste. Das unterscheidet ihn aber, wie wir gesehen haben, nicht grundsätzlich von anderen Vätern. Die Sendung von Josef macht deutlich, dass Adoptions- oder Pflegeverhältnisse auch eine Vaterschaft begründen können. Väterlichkeit können Kinder auch an Männern erfahren, die nicht ihre biologischen Väter sind. Der hl. Josef zeigt uns schliesslich auch, wie väterliche Autorität auzzuüben ist: in vollkommener Bescheidenheit, angewiesen auf Gottes Führung und gehorsam in der Erfüllung Seiner Weisungen. "Denn nur einer ist euer Vater." So stehen wir an der Schwelle zum neuen Jahrtausend mit einer grossen Hoffnung: Die Wiederentdeckug des Vaters im Himmel wird zur Erweckung neuer Väterlichkeit führen - unter Bischöfen, Priestern, vor allem aber unter den Familienvätern.

21. März 1999

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