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Bistum Chur

Gleichheit kommt von Glauben

Die Widersprüche sind nicht länger zu übersehen: Auf der einen Seite schneidet sich die Schweizer Bevölkerung zusehends von ihren christlichen Wurzeln ab. Die neuesten statistischen Meldungen aus Zürich bestätigen hier jedenfalls einen langjährigen Trend. Der Anteil der Kirchenmitglieder an der Kantonsbevölkerung hat sich 2015 wiederum um ein gutes Prozent reduziert. Waren in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch über 95 Prozent reformiert oder katholisch, so sind es vierzig Jahre später noch 57 Prozent. Wenn man den Sinkflug mit dem Lineal weiterzieht, wird 2023 die 50-Prozent-Marke unterschritten werden.  Andererseits haben zwei aus religiösen Gründen den Handschlag verweigernde Halbwüchsige führenden Politikern die Aussage entlockt, die Schweiz sei ein christliches Land. Das scheint die These des Grossimams von Bordeaux, Tareq Oubrou, zu bestätigen, dass die neuerdings offensiv vertretene ethnischreligiöse Sichtbarkeit des Islam in Europa zu einerWelle der Rechristianisierung führe. Die widersprüchliche Haltung gegenüber dem Christentum kann man selbst an den Kirchgebäuden festmachen: Während sich anlässlich von Gottesdiensten eine immer dröhnendere Leere bemerkbar macht, müssen in kulturell bedeutsamen Kirchen die Touristenströme gedrosselt werden. Nimmt man das 1950 erschienene Werk «Das Ende der Neuzeit» von Romano Guardini als Schlüssellektüre zur Deutung zeitgenössischer Widersprüche, erscheinen diese jedoch nachvollziehbar. Die Ablehnung der Existenz eines personalen Gottes oder der Gottebenbildlichkeit des Menschen und das gleichzeitige Hochhalten christlicher «Werte» sind dann keine Gegensätze mehr, sondern vielmehr zwei Phasen einer einzigen Entwicklung. Tatsächlich wurde seit Beginn der Neuzeit vor allem der Offenbarungsgehalt des Christentums bestritten, etwa die Menschwerdung Gottes oder die leibliche Auferstehung, nicht jedoch die ethischen, sozialen und kulturellen Früchte des Christentums. Die Personenwürde, die individuelle Freiheit und Gleichheit, die schon den Römern abgeabgerungene Gewissensfreiheit: All das sind Früchte des christlichen Glaubens. Die Früchte sind gewachsen am knorrigen Baum der christlichen Dogmatik. Wenn dieser Baum umgehauen wird, kann man noch eineWeile von den eingelagerten Früchten leben, aber irgendwann gehen sie aus. Guardini hat das bereits vor über sechzig Jahren gesehen. Und er prophezeite, dass schliesslich, in einer dritten Phase, die im Moment noch als säkularisierte Christlichkeiten hochgehaltenen «Werte» zu Sentimentalitäten erklärt würden, bis sie schliesslich ganz fallengelassen würden. Was wie eine widersprüchliche Haltung gegenüber dem Christentum erscheint, ist also nur eine Ungleichzeitigkeit: Die einen erklären sich als konfessionslos, optimieren bereits heute bedenkenfrei die genetische Basis des Menschen und wählen am Lebensende die selbstbestimmte Exit-Strategie. Andere halten noch an säkularisierten Christlichkeiten fest, indem sie christliche «Werte» beschwören, jedoch ohne den dazugehörigen christlichen Gottesglauben mit seinen zwingenden Konsequenzen noch ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Leere Laizität

Wenn nun solche Geisteshaltungen mit einer Religion wie dem Islam konfrontiert werden, die alles − Staat, Gesellschaft, Beziehungen zwischen Privaten − unter ein von Gott erlassenes, also religiöses und absolut geltendes Gesetz stellt, kommt Hilflosigkeit auf. Die einen betonen dann umso energischer die laizistische Säkularität des Staates und reden der Privatisierung, wenn nicht gar der Verächtlichmachung aller Religion dasWort. Andere halten christliche «Werte» als Teil der Swissness hoch, ohne den Kern des Christentums noch ernst zu nehmen. Beides hat nicht die Kraft, Menschen aus anderen Religionen und Kulturen zu integrieren. Denn eine Kultur, die ihre Identität verloren hat, hat nichts mehr, in das sie integrieren könnte. Im einen Fall bleibt eine inhaltsleere Laizität, welche die Neuankömmlinge mit Sozialpädagogik, Jobs, Handys und Boliden domestizieren möchte. Es ist ein Geschäftsmodell, das − man sieht es in Frankreich − nicht funktioniert. Im anderen Fall wird ein ausgehöhltes Christentum zum gesellschaftlichen Mainstream erklärt, was dann von vielen als diskriminierend und unglaubwürdig zugleich empfunden wird. Eine robuste Antwort auf die neuen Herausforderungen wird am von Guardini beschriebenen Prozess nicht vorbeisehen können. Dennoch muss man es nicht so pessimistisch sehen. Die Infragestellung der liberalistischen Gesellschaft kann auch ein Katalysator sein, etwas zu überwinden, was der amerikanische Politikwissenschafter und Philosoph Larry Siedentop in seinem Buch «Die Erfindung des Individuums» als «liberale Ketzerei» verurteilt. Diese Ketzerei besteht gemäss Siedentop darin, Christentum und Aufklärung als unvereinbare Gegensätze zu betrachten und zu behandeln. Was oft genug als «Krieg» zwischen zwei angeblich konkurrierenden Weltanschauungen dargestellt worden sei, sei in Wahrheit ein «Bürgerkrieg» – ein Krieg im gleichen Haus. Siedentop meint damit, dass die einzigartige Entwicklung, die in Europa zu einer freien Gesellschaft von Gleichen geführt hat, im christlichen Glauben an die Gleichheit der Seelen wurzle. Das moderne Europa beruhe darauf, dass in einem langen Ringen diese religiöse Vorstellung in einen Sozialstatus umgewandelt worden sei. Genau Letzteres sei dann die Errungenschaft der Aufklärung. Diese habe also nicht das Verdienst, die Idee der fundamentalen Gleichheit aller Menschen in die Welt gebracht zu haben – denn die Gleichheitsidee sei eben christlich. Aber es sei unbestreitbar das Verdienst der Aufklärung, diese Idee − gegen den Widerstand einer in der Neuzeit allzu oft mit der Aristokratie verbandelten Kirchenhierarchie − in rechtliche und politische Formen gegossen zu haben, so dass sie für den Einzelnen wirksam werden konnte.

Aufgeklärte Aufklärung

Christentum und Aufklärung bilden somit die gemeinsame Grundlage unserer Zivilisation. Dies ist auch der Grund, weshalb sich das Christentum schliesslich mit einer friedlichen Koexistenz mit der aus der Aufklärung hervorgegangenen Staats- und Gesellschaftsform anfreunden konnte. Zuvor mussten Wunden heilen: Zehntausende von Toten während der Französischen Revolution, die Totalenteignung der Kirchengüter und eine oft genug wenig aufgeklärte Siegergeschichtsschreibung. Dennoch hat das Christentum in den aufklärerischen Idealen seine eigenen Wurzeln wiedererkannt. Zu diesen gehört auch die Tatsache, dass im Christentum die Unterscheidung zwischen Gott und Kaiser, zwischen Religion und Staat angelegt ist, ja dass gerade das Christentum die Quelle dieser Unterscheidung ist, die erst eine freie Gesellschaft von Gleichen ermöglicht, weil dann die Bürgerrechte vor jeder religiösen Unterscheidung und unabhängig von ihr gelten.

Geistesverwandte

Auch wenn in der heutigen Stunde Christentum, verstanden als gelebte Religion, und Aufklärung, verstanden als institutionalisierte Freiheitsordnung, getrennt marschieren, so sind sie doch Geistesverwandte. Angesichts neuer Herausforderungen sind sie deshalb aufgerufen, gemeinsam Zeugnis zu geben. Dies gilt umso mehr, als es sich nicht ausschliesst, ganz praktizierender Christ und ganz Bürger eines freiheitlichen Staatswesens zu sein. Für die christlichen Religionsgemeinschaften und ihre Anhänger heisst diese Aufforderung zum gemeinsamen Zeugnis, nicht bloss interreligiösen Dialog zu pflegen, sondern sich auch ohne Wenn und Aber zum freiheitlichen, grundrechtsfundierten Staat zu bekennen und diesen aktiv zu stützen. Für die Verfechter der Aufklärung gilt es, sich mit der geistigen Herkunft ihrer Ideale zu versöhnen. Das wird sie davor bewahren, die letzten Brücken zum Christentum abzubrechen und sich damit von den Wurzeln abzuschneiden, die diese Ideale nähren. Denn inhaltsleerer Utilitarismus und Hedonismus werden weder die Kraft zur Integration noch jene zur Selbstbehauptung haben. Nicht vulgäraufklärerische Religionsfeindlichkeit kann also der derzeitigen Infragestellung der westlichen Gesellschaft gedanklich etwas entgegensetzen. Vielmehr bedarf es des gemeinsamen Zeugnisses der Anhänger einer «nur» religiösen − nicht das Totale beherrschen wollenden − Religion, wie sie das Christentum darstellt, und der säkularen Verfechter der Errungenschaften der Aufklärung. Wenn diese Versöhnung von Aufklärung und Christentum vermehrt gelingt, ist dies ein Ansporn für muslimische Theologen und Rechtsgelehrte, in ihren Quellentexten nach Ressourcen zu suchen, welche die Säkularität des Staates und die Idee der vorreligiös begründeten Gleichheit aller Menschen stützen. Denn diese Ideen liegen einem Friedenswerk zugrunde, das − ganz im Sinne von Lessings Ringparabel − seine Tauglichkeit bewiesen hat.

(Erschienen in: NZZ, 30.06.2016, S. 43)

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