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Bistum Chur

Predigt von Bischof Joseph Maria & Impressionen anlässlich der Diakonweihe am 15. Oktober 2022 in Buochs

Lieber Weihekandidat, lieber Ernst
Liebe Mitbrüder
Liebe Schwestern und Brüder

Heute, am Gedenktag der grossen Ordensfrau und Kirchenlehrerin Theresia von Avila, feiern wir die Diakonenweihe von Ernst Niederberger. Das bekannteste Wort der Heiligen Theresia ist bestimmt: «Nada te turbe, nada te espante, quien a Dios tiene nada le falta: solo Dios basta». Was auf Deutsch etwa heisst: «Nichts soll dich stören, nichts dich erschrecken, wer sich an Gott hält, dem wird nichts fehlen. Allein Gott genügt». Dies würde ich dir, lieber Ernst, ganz gerne auf deinen Lebensweg in der Nachfolge Christi und als Geweihter seiner Kirche mitgeben.

Im Leben eines Geistlichen, wie im Leben eines jeden Menschen, gibt es manche Engpässe und Durststrecken. Die ersehnten Erfolge und Ziele, von denen wir träumen, auf die wir hoffen und auf die wir hinarbeiten, treffen nicht von heute auf morgen ein. Im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom spricht er von unserem Seufzen und vom Seufzen der gesamten Schöpfung sowie von Geburtswehen (vgl. Römer 8,22).

Gerade jetzt im Herbst ist Erntezeit, es finden Winzer- und Erntefeste statt. Ernte ist immer das Ergebnis vieler und konstanter Arbeit während der vorhergehenden Monate. Manchmal gibt es jedoch Hagel, Stürme, Dürre oder andere unvorhergesehene Ereignisse und dann bleibt die erwartete Ernte dramatischerweise aus. Beim Voranschreiten, auf dem Weg zum Endziel des Lebens, das nichts anderes ist als die ewige Glückseligkeit im Himmel, ist es anders: «Nichts soll dich stören, nichts dich erschrecken, wer sich an Gott hält, dem wird nichts fehlen. Allein Gott genügt». Wir dürfen nie vergessen, dass wir nicht allein sind. Unsere Unterstützer und Fürsprecherinnen sind unendlich mächtiger als alle Hindernisse und Angreifer. Unser Gott, die Muttergottes, die Heiligen, die Seligen und die Engel im Himmel begleiten und unterstützen uns stets. Wie der Heilige Paulus scheibt: Der Geist Gottes «tritt jedoch für uns ein» (Römer 8,26), selbst, wenn wir nicht wissen, wodurch und wohin uns die Reise führt.

Im heutigen Evangelium wird ausführlich und anschaulich die Verbundenheit mit dem Weinstock als Quelle der Vitalität und Fruchtbarkeit der Reben dargestellt. Der Lebenssaft kommt vom Weinstock. Er wird uns sozusagen zur Verfügung gestellt. Einzig das Vertrauen, uns von ihm nähren und tragen zu lassen, ist erforderlich. Gott selbst setzt sich ein, damit unser aller Leben fruchtbar wird, das Leben jedes einzelnen Menschen. Hier könnten wir uns fragen: Wenn der Winzer Gottvater ist, wenn er alles kann, wenn er sich persönlich um die Menschen kümmert, wenn er sich selbst einsetzt, damit das Leben der Menschen gelingen kann, wofür braucht es Diakone und Priester, Theologinnen und Theologen, Päpste und Bischöfe? Darüber kann ich zweierlei sagen:

Tatsächlich ist Gott selbst der Erste, der sich für die fruchtbare Vollendung unseres Lebens einsetzt. Die Früchte unseres Lebens sind seine Früchte. Unsere Kirche ist seine Kirche. Manchmal machen wir uns Sorgen um die Kirche; sind besorgt, um die Zukunft der Kirche. Wir vergessen dabei, dass Gott selbst für seine Kirche Sorge trägt, sie ist die Seinige. In dieser Hinsicht trifft auch das «solo Dios basta» zu. Jede und jeder, die und der in der Kirche wirkt, ja alle Gläubigen dürfen diese Zuversicht haben. Zuversicht haben, bedeutet aber nicht, dass wir die Verbundenheit mit Gott vernachlässigen – diesbezüglich ist das heutige Gleichnis auch sehr eindeutig.

In der Videobotschaft dieses Monats über das Gebetsanliegen des Papstes sagt er direkt und ungeschminkt: «ohne Gebet keine Synode». Durch das Gebet sind wir im Einklang mit Gott, haben dieselbe Wellenlänge. Das Gebetsleben darf nicht als eine Pflicht, sondern als ein Existenzbedürfnis verstanden werden. Die Sehnsucht, mit ihm verbunden zu bleiben um diese Verbundenheit zu vertiefen, sollte aus dem Tiefsten unseres Herzens kommen. Mit der Weihe zum Diakon erklären wir uns bereit, täglich das Stundengebet zu beten und zwar in Namen der Kirche und für die ganze Kirche, für alle uns anvertrauten Menschen. Bei dieser Bereitschaft handelt es sich nicht an erster Stelle um eine Verpflichtung, sondern um die Quelle der Fruchtbarkeit für das persönliche Leben und für das Leben der ganzen Kirche.

Mit dem Gebet allein ist es aber noch nicht getan. Die Heilige Theresia von Avila war eine Frau, die mit beiden Füssen auf dem Boden stand und sehr geerdet war. Sie war eine kontemplative aber gleichzeitig auch eine sehr praktische Frau, welche sehr rational dachte. Sie sagte zu den Schwestern ihres Ordens: «Es gibt nichts Schlimmeres als ein frommer, aber ungebildeter geistlicher Begleiter». Ja mit Frömmigkeit allein kommen wir nicht weiter. Wir brauchen eine solide Theologie und eine intensive Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten. Das «allein Gott genügt» dürfen wir nicht so interpretieren, dass wir nicht stets mit Verantwortungsbewusstsein alles daransetzen, damit diese Verbundenheit in Einklang mit den Bedürfnissen der Zeit steht. Eine dauernde Fort- und Weiterbildung ist erforderlich und eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen unserer Zeit ist unentbehrlich.

Der zweite Aspekt betrifft Folgendes: Im Gleichnis ist Gottvater höchstpersönlich der Winzer; der Winzer ist also Gott selber. Gott sorgt sich um die Reben. Er stellt jedoch keinen Einmannbetrieb dar. Der Winzer möchte von Anfang an auf ein sachkundiges Team zählen können. Die Seelsorgenden in der Kirche sind nichts anderes als die vom Winzer gesuchten und ausgewählten Mitarbeitenden. Damit alle Menschen in ihrem Leben eine tiefe Spur des Guten hinterlassen können, damit die Ernte üppig wird, will Gott seine Mitarbeitenden einsetzen. Wir Bischöfe, Priester und Diakone stellen nicht die Quelle des Lebens dar, doch Gott möchte durch uns, die Fruchtbarkeit des Lebens unserer Mitmenschen fördern. Wir sind ebenfalls Reben, solche aber, die sich bereit erklärt haben, unsere Lebensaufgabe darin zu sehen, den Mitmenschen und Gott zu dienen. Dieses Wirken, dieses Erahnen, dass in den Herzen der Mitmenschen die Ernte wächst, der gute Wein entsteht, sollte eine grosse Freude und der Sinn der eigenen Existenz sein.

Erlauben Sie, dass ich noch einen dritten Aspekt hervorhebe: Durch das Bild des Weinstocks, wird anschaulich gezeigt: Wir sind in der Kirche alle wesentlich miteinander verbunden. Es gibt keine Verbundenheit mit Gott ohne Verbundenheit mit den anderen Gliedern seiner Kirche. Wenn wir die Einheit, die Eintracht, die Verbundenheit mit den anderen Gläubigen pflegen, fördern und schützen, erhalten wir unsere eigene Vitalität. Die Einheit der Kirche ist vital, sie gewährleistet in der Kirche die wahre Wirksamkeit und das echte Wachstum.

Anlässlich der Feier der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 60 Jahren, sagte Papst Franziskus diese Woche in seiner Predigt unter anderem: «Das Konzil erinnert uns daran, dass die Kirche nach dem Bild der Dreifaltigkeit Gemeinschaft ist (vgl. Lumen gentium, 4.13). Der Teufel hingegen will das Unkraut der Spaltung säen. Erliegen wir nicht seinen Täuschungen, erliegen wir nicht der Versuchung der Polarisierung. Wie oft haben sich Christen nach dem Konzil für eine Seite in der Kirche entschieden, ohne sich bewusst zu sein, dass sie damit das Herz ihrer Mutter zerreissen! Wie oft wollte man lieber ein ‘Anhänger der eigenen Gruppierung’ als ein Diener aller sein, Progressive und Konservative statt Brüder und Schwestern, ‘der Rechten’ oder ‘der Linken’ statt Jesus zugehörig; sie haben sich als ‘Hüter der Wahrheit’ oder ‘Solisten des Neuen’ aufgespielt, statt sich als demütige und dankbare Kinder der Heiligen Mutter Kirche zu sehen. Alle, allesamt sind wir Kinder Gottes, alle Geschwister in der Kirche, alle sind wir Kirche, alle. Der Herr will uns nicht so haben: Wir sind seine Schafe, seine Herde, und wir sind das nur gemeinsam, vereint. Überwinden wir die Polarisierungen und bewahren wir die Gemeinschaft, werden wir mehr und mehr ‘eins’, wie Jesus betete, bevor er sein Leben für uns hingab (vgl. Johannes 17,21). Möge Maria, die Mutter der Kirche, uns dabei helfen. Möge sie in uns die Sehnsucht nach Einheit und das Streben nach voller Gemeinschaft unter allen Christgläubigen stärken. Lassen wir die ‘Ismen’ beiseite: Das Volk Gottes mag diese Polarisierung nicht. Das Volk Gottes ist das heilige, gläubige Volk Gottes: das ist die Kirche».

Danke, lieber Ernst, für deine Bereitschaft, nun als Diakon Glied unserer Kirche zu sein. Ein Glied, das sich mit allen anderen Gliedern verbunden weiss und zugleich für sie Sorge trägt. Danke für deine Bereitschaft, stets Förderer der Communio zu sein. Amen.

 

Impessionen, zur Verfügung gestellt

 

Gruppenbild, Simone Bonvissuto

Impressionen, Beate Rückert

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