"Die menschliche Würde bleibt unantastbar"

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Stellungnahme des Bischofs von Chur, Joseph Maria Bonnemain, zum Abstimmungsresultat über das Patientengesetz zur Sterbehilfe im Kanton Zürich:

«Die menschliche Würde bleibt unantastbar – wir setzen uns dafür ein»

Nach der überwältigenden Annahme des Patientengesetzes zur Sterbehilfe gilt es, den Volksentscheid zu respektieren. Zugleich kann und darf ich nicht verschweigen, dass ich dieses Gesetz aus tiefer Überzeugung abgelehnt habe.

Ich nehme das deutliche Ergebnis der Abstimmung mit Respekt zur Kenntnis. In einer Demokratie verdient der Wille der Bevölkerung Anerkennung – auch dann, wenn er den eigenen Überzeugungen widerspricht.

Meine Sorge bleibt jedoch bestehen: Wo die Beendigung eines Lebens als mögliche Antwort auf schweres Leiden gesetzlich geregelt und gesellschaftlich akzeptiert wird, verändert sich unser Blick auf Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Würde. Die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, ob er gesund, leistungsfähig, autonom oder frei von Schmerzen ist. Sie bleibt, sie muss unantastbar bleiben – gerade auch in Krankheit, Verzweiflung und am Ende des Lebens.

Viele Menschen, die einen Todeswunsch äussern, wollen nicht einfach sterben. Sie wollen nicht allein sein, niemandem zur Last fallen, keine unerträglichen Schmerzen erleiden oder die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Darauf muss unsere Gesellschaft mit verlässlicher Begleitung antworten: mit guter Palliativmedizin, menschlicher Nähe, psychologischer und seelsorglicher Unterstützung sowie konkreter Entlastung für Angehörige und gute Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal.

Ich befürchte, dass dieses Gesetz – trotz aller vorgesehenen Schutzmassnahmen und trotz der nachvollziehbaren Motive vieler Befürworterinnen und Befürworter – Erwartungen erzeugen kann. Wer sich schwach, pflegebedürftig oder kostspielig erlebt, könnte eines Tages meinen, den anderen mit dem eigenen Tod einen Dienst zu erweisen. Eine wirklich solidarische, eine menschenwürdige Gesellschaft vermittelt das Gegenteil: Du bist nicht zu viel. Du bist nicht allein. Dein Leben ist auch in seiner grössten Zerbrechlichkeit wertvoll.

Die katholische Kirche wird deshalb ihren Weg der Begleitung fortsetzen. Sie wird Menschen nicht verurteilen, die in schwersten Situationen Entscheidungen treffen, egal wie sie ausfallen. Sie wird zuhören, trösten, mittragen und sich dafür einsetzen, dass niemand aus Angst, Einsamkeit oder fehlender Versorgung den Tod als einzigen Ausweg empfindet.

Der heutige Entscheid beendet die ethische Debatte nicht. Er verpflichtet uns vielmehr, noch entschiedener für eine Kultur des Respektes, der Sorge und Fürsorge einzustehen – für ein Sterben in Würde, das nicht vom Angebot des Todes dominiert wird, sondern getragen von liebevoller, kompetenter und verlässlicher Begleitung für Leidende, Kranke und Sterbende, ihre Angehörigen und Betreuenden  ̶  bis zuletzt.

 

Chur, 27. September 2026

Nicole Büchel
Kommunikationsverantwortliche Bistum Chur

Foto: iStock_Jacob Wackerhausen

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