Eröffnungsmesse - St. Bernadette
Predigt des Bischofs
Liebe Mitbrüder
Liebe Pilgerinnen und Pilger
Liebe Schwestern und Brüder
Statio: Ich heisse Sie alle herzlich willkommen hier in Lourdes und freue mich sehr, zusammen mit Ihnen/mit euch an diesem Gnadenort sein zu dürfen; gerade in diesem Jahr, in dem wir 130 Jahre Lourdes-Wallfahrt feiern.
Nun dürften alle Pilgerinnen und Pilger der Interdiözesanen Lourdes- Wallfahrt der Bistümer Basel, St. Gallen und Chur eingetroffen sein. Ich hoffe, dass Sie alle gut gereist, angekommen untergebracht sind – besonders auch die Kranken im Acceuil. Hier in Lourdes befinden wir uns in besonderer Weise im Zuhause der Muttergottes, könnte man sagen. Wir werden bestimmt ihre mütterliche Zuwendung erfahren. Wir dürfen an diesem besonderen Ort zu Maria, unserer himmlischen Mutter, beten und uns in ihre liebevollen Arme fallen lassen, wenn wir Beistand brauchen. Sie tritt für uns ein bei Gott. Wie ich bereits beim Editorial des Pilgerbuches geschrieben habe, sagt Maria auch zu uns: «Seid gegrüsst und willkommen, meine Kinder, hier an diesem Ort der Gnade und der Vergebung, des Heils und des Friedens. Sie wird uns bestimmt in diesen Tagen immer wieder ins Herz flüstern: Die Gnaden, die mir der Allerhöchste geschenkt hat, habe ich, um sie euch weiter zu schenken.
Homilie
Liebe Mitbrüder, liebe Pilgerinnen und Pilger
Jesus zählte – wie wir gerade gehört haben – die Zeichen auf, die durch jene, «die zum Glauben gekommen sind», geschehen würden. Unter der Schar der Menschen aller Generationen, die zum Glauben gekommen sind, befindet sich Maria an vorderster Stelle, im Mittelpunkt. Wie Elisabet sie begrüsste, ist sie sozusagen Anführerin aller Glaubenden: «Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen liess.» Unser christlicher Glaube hat in der Mutter Gottes ihren Ursprung nämlich im Sinne, dass durch sie und in ihr Gott für uns Mensch geworden ist. Wir glauben an Christus, an den Mensch gewordenen Gottessohn. Unser Glaube ist christozentrisch durch und durch. Dank des Glaubens-Ja seiner Mutter kam er in die Welt und hat uns erlöst. Seitdem ist Maria Pilgerin des Glaubens mit uns, sind wir mit ihr glaubende Pilgerinnen und Pilger. Sie ist Beispiel und Vorbild der Pilgernden im Glauben. Sie ist für uns – Glaubende unterwegs – mütterliche Begleiterin. Sie ist dauernder Ansporn, damit wir unterwegs angesichts von Widrigkeiten und Niederlagen, von Widerständen und Entmutigungen nicht aufhören und weiter voranschreiten. Sie hätte in ihrem Leben auch viele Gründe gehabt, ihre Berufung in Frage zu stellen, aber sie ist selbst bis zur Stunde des Kreuzes tapfer und unbeirrt Glaubende an ihren Sohn geblieben. Das grösste Zeichen, das wir in diesen Tagen unserer Pilgerfahrt durch ihre Fürbitte erflehen können, ist gerade diese Unerschütterlichkeit im Glauben.
Jesus versprach damals den Aposteln, dass durch jene, die zum Glauben kommen, allerlei Machtzeichen geschehen würden: «In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.» Im Verlauf von zweitausend Jahren Christentum sind solche ausserordentlichen Zeichen und Wunder vielfältig geschehen. Als die Apostel begannen, solches zu wirken, konnten sie mit der leisen, unauffälligen, zurückhaltenden Anwesenheit der Muttergottes rechnen. Selber tat sie nichts Aussergewöhnliches. Ihre treue, liebende, glaubende Anwesenheit und Begleitung waren jedoch sehr aussergewöhnlich. Das ist in der Kirche immer so geblieben. Es geschehen immer noch sehr auffällige Zeichen Gottes und er hilft uns auch bei vielem, das im Alltag geschieht und wir vielleicht als selbstverständlich bezeichnen. Die Nähe und Zuneigung, der Beistand und der Rat unserer himmlischen Mutter sind immer dabei. Ich frage mich: Was wünschen wir uns? Wir dürfen uns bestimmt aussergewöhnliche Heilungen wünschen, besonders jedoch, dass wir weiterhin so treu und dienstbereit, so verbunden und grosszügig mit Jesus bleiben, wie Maria es immer tat und tut. Wir sind dazu berufen, hinauszugehen in die ganze Welt und mit unserem Leben, mit unserem gelebten Glauben «das Evangelium der ganzen Schöpfung» zu verkünden.
Für diese Sendung finden wir im 1. Brief des Apostels Petrus, aus dem wir vorher gehört haben, sehr treffende Empfehlungen:
«Begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt den Stolzen entgegen, Demütigen aber schenkt er seine Gnade.» Wir möchten mit unserem Glauben die anderen anstecken, sie für Jesus, für den Glauben, für die Kirche gewinnen. Das ist richtig. Es wird aber nur dann richtig sein, wenn wir dies mit der demütigen Haltung Marias tun. Es geht nicht darum, dass wir die anderen von oben herab anschauen, dass wir uns als bessere Gläubige betrachten, dass wir die anderen belehren. Wir sind alle lernende Pilger bis zuletzt. Wir schreiten zusammen mit allen anderen in der Nachfolge Christi voran. Jeder und jede sollte sich unter uns willkommen fühlen, angenommen, verstanden, geschätzt und geliebt.
«Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!» Wesentlich für unsern Pilgerweg ist das Vertrauen. Gott lässt uns nie im Stich und wird uns nie fallen lassen. Maria hätte oft Gründe gehabt, um die Pläne Gottes in Frage zu stellen. Ihre Haltung war immer vorbehaltlos, total: «Mir geschehe, wie du es gesagt hast.» Fiat! Wenn wir durch und durch marianisch bleiben, wenn wir immer Zuflucht bei ihr suchen, wird es uns an Gottvertrauen nie fehlen. Auch wenn wir Zeiten der Trockenheit im Gebet durchmachen, wenn wir gefühlsmässig die Nähe Gottes nicht spüren, wird sie uns immer ermutigen, unbeirrt die Nachfolge Christi fortzusetzen.
«Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens!» Unsere himmlische Mutter ist Zuflucht der Sünder und Trösterin der Betrübten. In unserer christlichen Sendung können wir Beispiel und Ansporn bei der Überwindung des Bösen und der Versuchungen für andere sein. Im Bewusstsein unserer Schwächen und Hinfälligkeit suchen wir Kraft und Stärke in den Sakramenten. In der Beichte bekennen wir ungeschminkt unsere Sünden, nicht aus Angst, sondern im Vertrauen, dass Gott uns liebt, auch mit unseren Schwächen, dass er uns verzeiht und dass er uns die Gnade schenkt, um besser zu werden. Das Sakrament der Versöhnung sollte für uns immer eine Begegnung der Liebe sein. Wenn andere Menschen merken, wie befreiend die Beichte bei uns wirkt, werden sie sich ermutigt fühlen, unserem erlösenden und verzeihendem lieben Gott näher zu kommen.
«Wisst, dass eure Brüder und Schwestern in der Welt die gleichen Leiden ertragen. Der Gott aller Gnade aber, der euch in Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch, die ihr kurze Zeit leiden müsst, wieder aufrichten, stärken kräftigen und auf festen Grund stellen.» Liebe Pilgerinnen und Pilger, im Vergleich mit den Leiden und mit dem, was Millionen in der Welt ertragen müssen, sind unsere eigenen Sorgen, Probleme und Leiden vermutlich relativ. Denken wir immer an alle in der ganzen Kirche, in der ganzen Welt. Wenn wir ein weltumfassendes Herz haben – so ist es das Herz Marias – werden wir die eigenen Sorgen und Widerlichkeiten liebevoll und leichter annehmen können. Ich wage zu sagen: Seien wir unsererseits – verbunden mit Christus – Aufrichtung, Stärkung, Kraft und solider Grund des Glaubens für unsere Mitmenschen. Seien wir es auf die Fürbitte unserer himmlischen Mutter, die wir gerne grüssen: Gegrüsst seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mir dir.
Lourdes, 25. April 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur