Messe an der Grotte
Predigt des Bischofs
Liebe Mitbrüder
Liebe Pilgerinnen und Pilger
Liebe Schwestern und Brüder
Ich möchte mit dem Gruss des Engels an Maria beginnen, der uns als Motto in diesem Jubiläumsjahr begleitet: «Der Herr ist mit dir!» Und wir rufen auch Maria an: Du bist mit dem Herrn, du bist beim Herrn, du bist dort für uns.
Seit Beginn der Schöpfung ist Maria in den Plänen Gottes gedacht, gewollt und ausgewählt für das Hochzeitsmahl ihres Sohnes mit der Menschheit.
Maria ist unsere Zuflucht, unsere Hoffnung in der Trübsal, Linderung im Leiden, Trösterin in schmerzlichen Situationen. Sie ist zugleich unsere Hoffnung, damit unsere irdischen Feste, damit das, was uns Freude bereitet, damit unsere Erfolge Momente sein können, wo Jesus anwesend ist, Situationen, zu denen er auch eingeladen werden darf. Wir können immer besser entdecken, dass Maria willkommen und gegenwärtig in allen Situationen unseres Lebens ist – und mit ihr ist Jesus und Jesus mit ihr.
Es kann vorkommen, dass wir bestimme Ambientes, manche Vorkommnisse in der Welt und einzelne Situationen als Momente, als Orte, als Ereignisse qualifizieren bzw. disqualifizieren im Sinne: Da gibt es keinen Platz für Gott, das ist Gott nicht genehm, Gott kann nicht da sein. Wir reagieren wie damals Petrus reagierte: «Noch nie ist etwas Unheiliges oder Unreines in meinen Mund gekommen.» Die Stimme vom Himmel konterte aber: «Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein!» In Kana waren viele Gäste anwesend, die wahrscheinlich schon betrunken waren; Maria hätte denken können: Das ist nicht gerade ein geeigneter Ort für meinen Sohn, den Erlöser der Menschheit. Sie wagte jedoch bei Jesus Fürbitte für diese Menschen zu halten: «Sie haben keinen Wein mehr.»
Wir sollten durch und durch marianisch sein. Marianisch im Sinn: Für Maria sind alle Feste der Welt – das Irdischste und Heidnischste Orte und Möglichkeiten, wo Jesus anwesend sein kann, Orte und Momente der Gottesbegegnung. Die Gegenwart der Muttergottes ermöglicht den Jüngern und Jüngerinnen ihres Sohnes, in allen Situationen ihres Lebens und unter allen Umständen der Weltgeschichte, Jesus zu begegnen. Die Gegenwart Marias öffnet die Welt für das Kommen ihres Sohnes, gerade in den heiklen Situationen.
In diesem Sinne ist es völlig richtig, dass wir Maria als Zuflucht der Sünder anrufen. Und Maria ist die Hoffnung selbst für die Gleichgültigen, für jene, die das Fest des Lebens feiern, ohne Jesus einzuladen. Ihre diskrete, nicht plakative Gegenwart wirkt gewinnend für das Wirken ihres Sohnes. Wenn wir marianisch sind, werden wir auch nicht militant, sondern diskret, verständnisvoll, geduldig, mit Ausstrahlung und Anziehung für unsere Mitmenschen – gerade die Fernen und Gleichgültigen – für Jesus gewinnen können.
Es ist sehr bezeichnend, dass Maria damals in Kana sagte: «Sie haben keinen Wein mehr.» Sie beklagte nicht: Jesus, mach etwas, bis jetzt konnte ich keinen einzigen Tropfen Wein trinken, man hat mir keinen Wein angeboten, ich möchte auch trinken. Nein, sie denkt an die anderen, nicht an ihre Bedürfnisse. Maria ist die Frau, die immer im Du und Wir denkt. Sie ist nicht mit sich selbst beschäftigt. Sie ermutigt uns, so wie sie und mit ihr Hoffnung und Fürbitte für Alleingelassene, Entmutigte, Deprimierte, Enttäuschte, für jene die ohne Kraft, «ohne Wein» im Leben leben müssen, da zu sein. Im Herrn Geliebte, seien wir marianisch!
Unsere himmlische Mutter sagte zu den Dienern: «Was er euch sagt, das tut!» Die marianische Hoffnung stützt sich auf ihr totales Vertrauen auf Jesus, ihren göttlichen Sohn und auf sein Wirken. Sie bringt uns bei: Meine Kinder, was er euch sagt, das ist gut für euch! Seien wir marianisch. Teilen wir mit ihr die Hoffnung, die Hoffnung, dass der Sohn Gottes für uns das Leben hingegeben hat, die Hoffnung, dass nichts in unserem Leben eine Sackgasse darstellt, dass er uns immer begleitet, dass das Leben bis zuletzt einen Sinn hat. Es ist das Urvertrauen Marias, das uns weiterführt. Auch gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, dass die Welt zugrunde geht.
Es ist kein Zufall, kein Lapsus, dass unser Herr das Himmelreich oft mit einem Festmahl, mit einem Hochzeitsmahl verglich. Was Christus uns sagt, sein Evangelium, unser Glaube, unsere kirchliche Beheimatung stellen das Fest des Lebens und der Freude, das Heilsfest für die Welt dar. Gott hat für immer eine liebende Partnerschaft durch seine Menschwerdung mit den Menschen, mit der Weltgeschichte geschlossen. Die wirkliche Welt kann nicht zugrunde gehen, wird nicht untergehen, weil Gott mit uns ist, weil sie die Welt Gottes ist. Sie ist die Welt, die er liebt, es ist die Welt, für die Maria ihren Sohn geboren hat. Wir dürfen die Hoffnung haben, dass das Beste noch bevorsteht. Lassen wir uns von Gott bis zum letzten Augenblick überraschen. Das Leben hat einen Sinn bis zuletzt. Gott hat seine Hoffnung auf den Menschen gesetzt.
Wenn ich sage, dass der Mensch der Weg der Kirche ist, denke ich an den Menschen Jesus, an den Menschen Maria: Sie ist der Weg, der uns zu Jesus führt. Jesus ist der Weg, der uns zum Hochzeitsmahl des Lammes im Himmel führt. Am Ende bleibt nur noch das Fest des Lebens, das Fest der Liebe. Amen
Lourdes, 27. April 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur