Wortgottesdienst mit Krankensalbung
Predigt des Bischofs
Liebe Mitbrüder
Liebe Pilgerinnen und Pilger
Liebe Schwestern und Brüder, besonders liebe Kranke, die Sie heute die Krankensalbung empfangen
Wir haben aus dem Jakobusbrief gehört, wie das Sakrament der Krankensalbung beschrieben wird. Es heisst: «Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.» Und weiter: «Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten», ich würde sagen eines Gläubigen.
Was das Sakrament der Krankensalbung bewirkt, die Wirkung des Sakramentes hängt nicht allein von den Riten, von der Salbung, von den vorgetragenen Gebeten ab. Wesentlich, ausschlaggebend – wie immer in unserer Beziehung zu Gott – ist der Glaube. Es geht um das, was ein Mensch dank seiner Gottverbundenheit erreichen kann. Wirklich glauben bedeutet, die Gottesverbundenheit mehr zu schätzen und anzustreben, als das, was wir durch unsere Gottesverbundenheit erreichen können, ja wollen. Suchen wir vor allem Gott selber oder das, was er uns geben kann?
Erneut möchte ich heute unser schönes Motto zur Sprache bringen: «Voll der Gnade, der Herr ist mit dir!» Diese Verbundenheit ist das Geheimnis der Mutter Gottes. Die Verbundenheit mit ihm sollte das Geheimnis unseres Lebens sein: Er mit uns, wir mit ihm! Das Gebet ist immer wirksam, der Empfang der Sakramente, auch der Empfang der Krankensalbung kann immer wirksam sein, wenn wir an erster Stelle die Verbundenheit mit Gott suchen: Die Auffrischung, die Vertiefung, die Bekräftigung unserer Gottesverbundenheit. Der Glaube ist vor allem Beziehung, eine Liebesbeziehung zu Gott und durch diese die Pflege einer Liebesbeziehung zu den Menschen.
Die Sakramente sind nicht etwas Magisches, es geht nicht primär darum, wie ich vorher bereits sagte, um etwas zu berühren, um eine Salbung zu empfangen, um etwas zu sagen, sondern es braucht die Bereitschaft des Herzens, es braucht die freie, entschlossene, bewusste Bereitschaft, so zu denken, so zu handeln, so zu leben, wie es Gott von uns erwartet.
Fragen wir uns heute: Was ist der Glaube? Wie kann man glauben? Wer sind die Gläubigen? Nicht selten haben wir die Auffassung, dass glauben darin besteht, an einer Reihe von Wahrheiten festzuhalten, so wie es etwa im Glaubensbekenntnis formuliert ist. Aber es geht nicht um ein Lippenbekenntnis, sondern um die Bereitschaft unseres Herzens.
Wir meinen auch – da der Glaube sich in Werken widerspiegeln muss, wie der Apostel Jakobus auch sagt – dass der Glaube sich in einer bestimmten Art zu handeln widerspiegeln muss, ja, so zu handeln, wie Gott es von uns erwartet. Meinen wir nicht, dass glauben mit der Erfüllung der Gebote zu tun hat oder mit der Bejahung von dem, was die Kirche lehrt? Solche und ähnliche Vorstellungen sind an sich nicht falsch und dennoch unvollständig und erreichen nicht den wahren Kern des Glaubens. Der Glaube ist eine Beziehung. Der Glaube ist eine persönliche, lebendige Lebensbeziehung zu Jesus Christus. Er, Christus, ist nicht eine Gestalt der Vergangenheit, der Geschichte, er ist im Hier und Heute bei uns. Der Glaube ist nichts anderes, als in dieser Nähe, in dieser Beziehung zu dem menschgewordenen Sohn Gottes zu leben. Durch die Pflege dieser Beziehung, durch IHN und mit IHM sind wir zugleich innig verbunden mit dem göttlichen Vater, werden wir zu ihm geführt, getragen vom Heiligen Geist. Das ist der Glaube: eine innige, vertrauensvolle Liebesbeziehung.
Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute, nach der Spendung der Krankensalbung, zurückgehen würden mit der Haltung: erledigt! Im Sinne: wir haben das Sakrament empfangen, wir haben unsere Pflicht getan, unser Leben geht weiter wie vorher, dann hätten wir nicht verstanden, was die Sakramente sind.
Getragen vom Glauben, gestärkt von der Gnade der Sakramente können wir dann unsererseits Quelle der Zuversicht und des Trostes, des Heils und der Hoffnung für viele andere sein. Unser heutiges Gebet hier sollte ein Gebetsbund sein: Ein Gebet nicht nur für die hier Anwesenden, sondern für alle Leidenden, für alle Menschen mit Behinderungen in der Schweiz, in der ganzen Welt. Der Hauptmann des Evangeliums ist ein wunderbares Beispiel. Er bat Jesus um Hilfe nicht für sich selbst, sondern für seinen kranken Diener. Schliesslich lobt Jesus den Glauben dieses Menschen, der nicht um eine Hilfe für sich selbst, sondern für jemand anders bat. In diesem Sinn spreche ich von einem Bund des Glaubens. Ich bin überzeugt, dass jeder und jede von uns nicht mit dem Gedanken, was er oder sie braucht da ist, sondern voll Mitgefühl für das Leiden, für die Gebrechen der anderen die da sind, mit dem Herzen verbunden mit allen Leidenden in der Welt.
Wir haben auch von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus gehört. Sie baten Jesus, zu ihr zu gehen und Jesus ging unverzüglich zu ihr und heilte sie. Nach ihrer Heilung diente sie dem Herrn und den Jüngern voll Dankbarkeit. Heute möchte ich es nicht unterlassen, auch allen zu danken, die durch ihren Dienst an den Kranken, als Begleitende, als Pflegende, als Freiwillige, ihre Solidarität mit ihnen bekunden und umsetzen. Es ist das Wunder der Geschwisterlichkeit. Es ist das Wunder des Glaubens, das Wunder der Verbundenheit mit Gott, das uns zu einer grenzenlosen, weltumfassenden Geschwisterlichkeit führt. Dies ist die einzige und wahre Macht der Kirche. Die Verbundenheit mit der Ohnmacht des leidenden Gekreuzigten, mit der Ohnmacht aller Leidenden, ist die Heilsmacht des Erlösers, die Heilsmacht unserer Kirche. Seien wir voll Dankbarkeit, weil wir bei Maria sind: Der Herr ist mit uns! Amen
Lourdes, 27. April 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur