Chrisammesse in der Kathedrale von Chur
Liebe Priester, Diakone, Seelsorgerinnen und Seelsorger,
liebe Schwestern und Brüder
Der Prophet Jesaja verkündete, wie wir in der 1. Lesung gehört haben: «Ihr werdet Priester des Herrn genannt, Diener unseres Gottes, sagt man zu euch.»
Die Identität der geweihten Priester und Diakone und die Identität der Seelsorgerinnen und Seelsorger, die aufgrund der Taufe und Firmung auch Diener und Dienerinnen Gottes sind, stimmt mit der Identität unseres gesalbten und gesandten Herrn Jesus Christus überein. Er ist das Alpha und das Omega in unserer Kirche und in unserer Existenz. Er ist, war und bleibt Träger der ganzen Schöpfung. Die Identifizierung mit ihm ist und bleibt die Grundlage unseres Wirkens und die Grundlage unserer Wirksamkeit.
Wie Jesus in seiner Auslegung der Heiligen Schrift in der Synagoge von Nazareth verkündete, besteht seine Sendung darin, alle Formen der menschlichen Gebrechlichkeit zu lindern.
Jede und jeder von uns ist bestimmt wegen der gegenwärtigen Lage in der Welt mehr als konsterniert und erschüttert. Neue Kriege sind angezettelt worden und die alten haben immer noch nicht aufgehört. Es ist unerträglich, die Präpotenz der Mächtigen zu erleben. Täglich werden mehrere Millionen verbrannt: Raketen und Bomben, die solche Summen gekostet haben, explodieren und verursachen Vernichtung und Tod, Verwüstung und unselige Tragödien. Gleichzeitig hungern in der Welt 700 Millionen Menschen, ca. 10 % der Weltbevölkerung – und jährlich sterben 9 Millionen den Hungertod. Vor einigen Tagen wurden wir alle wegen dem Bus-Brand in Kerzers auch wieder aufgeschreckt und fragen uns, wie das überhaupt möglich ist. Welche Abgründe der Einsamkeit mussten im Herzen des Verursachers vorhanden gewesen sein. Es gibt so viele gebrochene Herzen und gefesselte Existenzen. In vielen Wortmeldungen in den Sozialmedien herrschen Aggressivität, Einseitigkeit und fundamentalistisches Denken. Die Blindheit jener, die überzeugt sind, dass die eigene Überzeugung die einzig gültige ist, ist frappant. Im Herrn Geliebte, lassen wir uns berühren, erreichen und verwunden von diesen Plagen der Unmenschlichkeit. Ist all das nicht ein dauernder Ansporn für uns, um mit Christus die Last der Menschen mitzutragen?
Jeden Tag und an allen Orten, wo wir sind und wirken, unter allen Umstanden, aufgrund der verschiedenen Ämter und Aufträgen können wir, trotz unserer Armseligkeit und Begrenztheit, die Gegenwart des Heilands der Welt, des Heilenden aller Verletzungen der Menschheit, etwas sichtbarer machen. Diese Sendung kann uns dauernd motivieren und anspornen, weiter zu wirken. Wenn so viel Leid und offene Wunden offensichtlich da sind, sollten wir uns nicht den Luxus leisten, unsere Berufung in Frage zu stellen, uns zu fragen, ob unsere Christusnachfolge einen Sinn hätte. Es wäre nicht gerecht – angesichts der Millionen Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen müssen – wenn wir in der Kirche in liturgischen Grabenkämpfen, in Vergleichen zwischen Ämtern und in organisatorischen Fragen stecken bleiben würden.
Liebe Schwestern und Brüder, erneuern wir alle heute unsere Bereitschaft! Bekräftigen wir unsere Bereitschaft, Vermittler der Hoffnung zu sein. Entscheiden wir uns von Neuem, als Ansteckende von Zuversicht zu wirken, als Beispiel von Eintracht, Vergebung und Versöhnung, von Verständnis, Dialog und Entgegenkommen.
Wahrscheinlich fragen wir uns: Wie kann ich das tun? Wir denken vielleicht: Ich selber fühle mich auch gekränkt und verwundet. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich bin nicht besonders stark motiviert, ich bin überarbeitet, überlastet und überfordert.
Gerade heute wird uns durch die gemeinsame Feier der Eucharistie besonders bewusst, dass trotzt dieser Wahrnehmung, die gelegentlich der Realität entspricht, wir unserer Sendung treu bleiben können, wenn wir uns gegenseitig geschwisterlich begegnen, eine wahre Freundschaft unter uns pflegen und einander eine gegenseitige Aussprache ermöglichen. Dies würde aber niemals ausreichen, wenn wir uns nicht vor allem mit dem aussprechen würden, der Mensch geworden ist, um alle Leiden zu lindern. Die geschwisterliche Freundschaft mit Jesus bleibt ausschlaggebend. Gerne möchte ich hier einige Worte des hl. Ambrosius zitieren, die vor kurzem in der Lesehore vorkamen und mich tief beeindruckten: «Wir sind mit Christus auferstanden. In ihm wollen wir leben, in ihm zum Himmel aufsteigen, damit die Schlange auf Erden unsere Ferse nicht finden und verwunden kann. Lasst uns also von hier fliehen! Mit dem Geist kannst du fliehen, auch wenn dein Körper dich zurückhält. Du kannst zugleich hier sein und beim Herrn: wenn deine Seele ihm anhängt; wenn du ihm mit deinen Gedanken nachlebst; wenn du im Glauben – noch nicht im Schauen – seinen Wegen folgst; wenn du zu ihm flüchtest. Denn er ist unsere Zuflucht und Stärke.»
Von uns, von unserer Haltung hängt es auch ab, ob wir Christus Lügen strafen lassen oder nicht. Er sagte nämlich damals in der Synagoge: «Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.» Darf er heute noch vom Heute sprechen? Darf er verkünden, dass das Heil für alle Gebrechlichkeit der Menschheit heute noch aktuell und wirksam ist? Eben, es hängt auch von uns ab.
Die Kirche, unser Glaube, Gott auf Erden haben Zukunft, weil wir verbunden mit Christus nicht aufgeben, sondern in der Überzeugung weitermachen, dass unser Herr das Alpha und das Omega war, ist und kommen wird. Die Kirche, unser Glaube, Gott auf Erden bleiben glaubwürdig, wenn wir bekennen, dass er Herrscher über die ganze Schöpfung ist, uns trägt und liebt, uns verzeiht und versteht, uns braucht und vertraut.
Johannes spricht in seiner Offenbarung von Jesus Christus, als dem treuen Zeugen. Er ist wahrhaft der treue Zeuge des Versprechens des himmlischen Vaters, dass er die Welt nie zugrunde gehen lassen wird. Seit Ostern grüsst uns der Heiland mit den Worten: «Friede sei mit euch!» (Joh 20,21) Dies ist im Grunde sein Zeugnis über das Geheimnis seines Lebens und Wirkens: «Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.» (Joh 16,32) Seien wir mit ihm Zeuginnen und Zeugen des Zuspruchs Gottes zu der verwundeten Welt, Ausrufende eines Gnadenjahres des Herrn.
Für eure Treue und Bereitschaft danke ich euch von Herzen und ich wünsche euch ein reich gesegnetes und erfülltes Leben und Wirken. Amen.
Chur, 30. März 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur