Generalversammlung des Schweizerischen Studentenvereins in Sarnen

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Liebe StVerinnen und StVer aktive Mitglieder, Altherren und -damen
Geschätzte Ehrengäste und Gäste
Liebe Mitbrüder
Liebe Schwestern und Brüder

Erst vor kurzer Zeit bin ich Ehrenphilister der AV Curiensis geworden, darum fühle ich mich hier bei euch, wie ein Kind das seine ersten Schritte wagt. Auf jeden Fall freue ich mich sehr, jetzt unter euch sein zu dürfen. Etwas nervös bin ich auch und denke: hoffentlich trete ich nicht in zu viele Fettnäpfchen. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn ich zu meinem Metier komme und nun einfach die Predigt halte.

Die Frage, die ein Mensch Jesus stellte – wie wir vorher im Evangelium hörten – war sehr berechtigt: «Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?» Diese Frage beschäftigt uns vermutlich alle. Wir streben danach und hoffen, gerettet zu werden; anders gesagt: Ein Leben in Fülle zu erreichen, das vollkommene Glück zu erlangen. Wir sind für das Glück, für die Freude, für die Liebe, für den vollkommenen Frieden, für eine unendliche Vollendung geschaffen.

Die Antwort Jesu auf die Frage tönt ambivalent. Einerseits sagt er: «Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.» Er spricht von einer Tür, die eng ist. Andererseits aber sagt er am Schluss: dass viele aus allen Himmelsrichtungen kommen werden, «von Osten und Westen und von Norden und Süden (…) und im Reich Gottes zu Tisch sitzen».

Wir verstehen das Wesensmerkmal des göttlichen Herzens erst dann richtig, wenn wir verstehen, dass unser Gott sich danach sehnt, dass Menschen aller Richtungen, aller Nationen, Hautfarben, Sprachen, Kulturen und Religionen die Fülle des Lebens erreichen. Gerade aus diesem Grund ist Jesus Mensch geworden, hat unter uns gelebt und sein Leben für die Menschen hingegeben. Was ist also los mit dieser engen Tür? Ich möchte es heute so sagen: Die Tür ist nur dann eng, wenn die Herzen eng sind.

Nicht durch das Äussere wird die Zulassung zum Glück entschieden, sondern aufgrund der inneren Haltung. Jesus sprach darüber sehr anschaulich: «Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken

und du hast auf unseren Strassen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiss nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!» Es ist gut, dass wir uns als Gläubige, als Christen, als Katholiken deklarieren, dass wir – wie man sagt – den Glauben praktizieren.  Eine formelle Zugehörigkeit ist für Gott und vor Gott aber nicht entscheidend. Die blosse ID, der Ausweis: gläubig, christlich, katholisch ist nicht ausreichend. Es geht um das Tun; es geht um Recht oder Unrecht tun, Gerechtigkeit und Recht beginnen im Herzen.

Wenn unser Herz mit der Grösse des Herzens des Erlösers und Heilandes im Einklang schlägt, wissen wir uns berufen, nicht bequem und komfortabel drin zu bleiben mit dem Gedanken: Es ist mir gelungen durch die enge Tür hineinzukommen, ich gehöre zu den Auserwählten, da drin fühlt man sich unter Gleichgesinnten wunderbar beheimatet, ich bleibe hier und was mit jenen geschieht, die noch draussen sind und die die Türe suchen, geht mich nichts an. Nein, dies ist eben gerade die Enge des Herzens. In der Nachfolge Christi sind wir berufen, an der Tür von der Innenseite, von innen anzuklopfen um Gott zu sagen: Mach die Tür weit auf, wir gehen mit dir hinaus, wir gehen auf die Suche nach den Suchenden. Wir möchten jene begleiten, ermutigen und mit dem eigenen Lebensbeispiel motivieren, die dann wieder mit uns durch die Tür hineingehen. Wir sind alle Suchende, bis zum Schluss. Das richtige Tun besteht darin, nicht als Clique unter sich zu bleiben, sondern überall hinzugehen, verbunden und gleichgesetzt mit allen, die suchen und ringen, mit den Fragenden, mit vielen, die tastend und erahnend den Sinn des Lebens suchen – ein Leben lang. Diese Weite des Herzens gelingt uns, wenn wir mit Sympathie, Empathie, mit Ausstrahlung mit Hilf- und Dienstbereitschaft, in Freundschaft, mit Verständnis und Geduld, mit Verzeihungs- und Versöhnungsbereitschaft, mit Demut und Ehrlichkeit einander begegnen.

Wir sind alle Mitglieder einer Studentenverbindung, das Wort Verbindung ist wunderbar. Es geht dabei ums Verbinden, nicht ums Trennen, nicht ums Absondern, sondern ums Vereinen. Es geht um Dialog, Beziehungen, Kommunikation, Zusammenspannen, Kameradschaft, Freundschaft. Unsere Berufung als Christinnen und Christen spornt uns an, diese Werte nicht nur unter uns, sondern eben in allen Himmelsrichtungen zu verwirklichen. Die Worte, die wir in der Lesung vom Propheten Jesaja hörten, sollten für uns Programm sein: «Ich kenne die Taten und die Gedanken aller Nationen und Sprachen und komme, um sie zu versammeln, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den Nationen, zu den fernen Inseln, die noch keine Kunde von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Nationen verkünden.» Wir sollten uns gesandt wissen, zu allen, für die das Leben noch nicht ein Fest, Freude und Gesang, Eintracht und Geschwisterlichkeit bedeutet. Seien wir hartnäckige Anklopfende, die Gott bitten, uns auf alle Strassen zu senden, um Begleitende so vieler wie möglich, die noch unsicheren Schrittes die Türe suchen. Bilden wir Seilschaften des Heils gerade mit jenen, die noch nicht zu uns gehören, die anders denken, die in andere Richtungen gehen, die vielleicht anfänglich unbequem sind. Ich zitiere immer gerne eine Aussage von Mutter Teresa von Kalkutta. Ihren Schwestern sagte sie einmal: «Wenn ich gestorben bin, sucht mich nicht im Himmel. Dort, an meinem Platz, wird ein Zettel liegen, darauf wird stehen: Ich bin nicht da, ich bin auf der Erde, bei jenen, die in besonderer Weise im Dunkel sind.» Das, was Mutter Teresa sagte, diese Sehnsucht, für die Menschen da zu sein und bei den Menschen zu sein, ist nur eine fade Widerspiegelung der Sehnsucht Gottes. Jesus ist Mensch geworden, um für immer mit den Menschen, für die Menschen und in den Menschen zu sein. Sein Leben ist ein Dasein für die andern. Das wird die beste Verwirklichung von: «vivat, crescat, floreat!» sein. Und keiner geht aus unserm Bund verloren!

Amen.

Sarnen, 24. August 2025

Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur

 

Fotos: © Morgane Baumgarten
Fotos: Nicole Büchel

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