«Begreift ihr, was ich an euch getan habe?»
Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder
«Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit recht so; denn ich bin es.»
Diese Frage des Herrn bleibt heute so aktuell wie damals: Begreifen wir, was Gott für uns tut? Begreifen wir wirklich, was er in der Eucharistie für uns tut, riskiert und vollzieht?
Wenn er uns einlädt, das zu tun, was er getan hat – wie wir jetzt hörten –, sollten wir uns nochmals fragen: Ja, was hat er für uns getan, was tut er genau für uns? Begreifen wir es?
Damals sagte er zu Petrus, dass sich von ihm die Füsse waschen zu lassen die Bedingung sei, um an ihm Anteil zu haben. Daraufhin reagierte Petrus impulsiv: «Herr, dann nicht nur meine Füsse, sondern auch die Hände und das Haupt!» Hier kommt abermals die Frage: Begreifen wir, was Jesus tat und tun möchte? Gemeint war nicht nur die Reinigung der Füsse, der Hände, des Kopfes; nicht nur eine äusserliche Reinigung. Es ging und es geht um eine Reinigung, Befreiung, Erneuerung, Verwandlung des ganzen Menschen. Es geht um das Heil des ganzen Menschen, was im Tiefsten bedeutet, all das zu beseitigen, was im Menschen die Liebe blockiert: die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen. Diese Deblockierung, diese Befreiung zur Liebe kann nur durch ein Übermass an Liebe geschehen. Jesus hat dies getan und tut es immer noch durch den äussersten Ausdruck der Liebe, nämlich durch die Hingabe seines Lebens: «Es gibt keine grössere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.» (Joh 15,13).
Die zwei Lesungen der heutigen Liturgie deuten beide auf dieses Geheimnis der Liebe hin. In der 1. Lesung aus dem Buch Exodus wird geschildert, wie das makellose Paschalamm, das Blut des geschlachteten Lammes, zum befreienden, beschützenden und erlösenden Blut für das Volk Israel wird. Es ist ein Symbol für das, was Christus sein würde: das endgültige Lamm Gottes, gekreuzigt für das Heil der ganzen Welt.
Paulus berichtet über das, was er direkt vom Herrn empfangen hat: Der Leib des Herrn ist der hingegebene Leib für uns. Das Blut des Herrn ist das vergossene Blut für uns. Die Hl. Messe, die Feier der Eucharistie, stellt einerseits die Vergegenwärtigung des Mahles der geschwisterlichen Liebe dar. Die Vergegenwärtigung der Liebe, die Gott uns schenkt, damit wir Schenkende der Liebe den anderen gegenüber werden. Andererseits – und das dürfen wir nie vergessen – ist Christus bis zum äussersten Ausdruck der Liebe gegangen und hat dies vollzogen. Er hat sein Leben für uns aufgeopfert, hingegeben. In jeder Eucharistiefeier feiern wir die Hingabe des Leibes Christi und des Blutes Christi für uns. Es geht um seine Hingabe im Heute. Gott hört nie auf, sein Leben für uns hinzugeben. Der Leib Christi und das Blut Christi sind reell wirklich vereint in seiner menschlichen Natur, in Wesenseinheit mit der göttlichen Natur.
Und hier ergeht nochmals die Frage an uns: Begreifen wir die Tragweite der Eucharistie? Deswegen ist es auch sehr angebracht, vom Messopfer zu sprechen. Es gibt in Wirklichkeit kein Mahl der Liebe, wenn diese Liebe nicht Hingabe bis zum Äussersten bedeutet. Es entsteht eine Gemeinschaft von Liebenden zwischen uns, weil wir eingeladen und angespornt werden, auch untereinander das Leben füreinander hinzugeben.
Was damals auf Golgotha geschah, geschieht zwar unsichtbar, jedoch reell bei jeder Eucharistiefeier auf jedem Altar. Begreifen wir es in grösster Ergriffenheit? Staunen wir dauernd und immer von Neuem über das, was er für uns tut?
Es ist deswegen angebracht, dass wir gerade am Gründonnerstag, unmittelbar vor dem Karfreitag, in grösster Dankbarkeit Christus in der Eucharistie anbeten. Wir versuchen ehrfurchtsvoll und mit unserer ganzen Liebe ihm Dank zu sagen, in Form von Anbetung – Anbetung vor dem Allerheiligsten. Wir versuchen, soweit es uns gelingt, die Liebe des Herrn mit unserer Liebe zu erwidern, mit unserer Liebe zu ihm und zu den anderen. Dies ist eine sehr geeignete Stunde, um sich von Neuem zu entscheiden, unser Leben für das Leben der anderen hinzugeben. Und es ist eine sehr geeignete Stunde, um nicht aufzuhören, Dank zu sagen für das, was Gott für uns tut. Amen.
Chur, 2. April 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur