Homilie zu Fronleichnam

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Liebe Mitbrüder
Liebe Schwestern und Brüder


Das irdische Leben ist vergänglich, begrenzt, es kennt die Grenzen von Zeit und Raum. Wir tragen in uns dennoch eine starke Sehnsucht nach Unvergänglichkeit, nach einer Fülle ohne Ende, nach einer Liebe ohne Unterbrechungen, ohne Enttäuschungen, ohne Langweile.

Die Kosmetikindustrie, die Schönheitsmedizin und die Anti-Aging-Methoden und -Mittel florieren und weisen gute Erträge auf, weil sie den Traum des Menschen nach ewig-jung zu erfüllen behaupten. All das bleibt jedoch eine Fata Morgana. Nur Gott ist das Leben schlechthin. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist dieses Leben ohne Ende, das Leben in Fülle, das Mensch geworden ist. Seine Auferstehung, seine Himmelfahrt sind eine logische Folge dieser göttlich-vollkommenen, ewigen Unsterblichkeit.

Aus unserem menschlichen Leben kann nicht das Unsterbliche hervorgehen. Aus uns allein heraus entsteht kein ewiges Leben. Nur durch den, der ewig und unsterblich ist – mit IHM und in IHM – können wir das ewige Leben erleben. So betrachtet kann man wahrhaft sagen: Jede hl. Kommunion ist Beginn des ewigen Lebens. Christus hat am Kreuz durch die Hingabe seines Leibes und Blutes, durch die Hingabe seines ganzen Menschseins ermöglicht, dass unser begrenztes Leben unbegrenzt wird. Diese Hingabe wird in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig unter uns. Kommunizieren ist somit kein rein physischer Vorgang; es handelt sich vielmehr um die Begegnung zwischen zwei Personen. Es ist die Vereinigung zwischen DER Person, die das Leben ohne Grenzen ist und den Personen (wir), die sich mit ihrem begrenzten Leben nicht abfinden wollen. Der Kommunionempfang ist ein Eintauchen in diesen Anderen, der das Leben ist. Die Wirksamkeit des Kommunionempfangs hängt von der Glaubensüberzeugung ab, dass in der hl. Hostie, im Allerheiligsten Sakrament des Altares die Person des menschgewordenen Sohnes Gottes wirklich reell und wahrhaft – der Himmel schlechthin – zugegen ist. Es geht nicht um den Empfang von etwas, sondern um eine innige Begegnung und Vereinigung mit jemandem, mit Jesus Christus. Daraus kann man wirklich leben. Nur in diesem Sinn können wir die klare Botschaft Jesu verstehen: «Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.» Das Geheimnis der Eucharistie stellt nicht bloss eine Erinnerung, ein Symbol, ein Gedächtnis dar, sondern Jesus Christus für uns im Heute.

Wir streben nach Frieden zwischen den Menschen, nach Frieden, in den Ländern, in denen heute Krieg herrscht. Wir sehnen uns nach Eintracht in den Familien, nach einer Atmosphäre in den Arbeitsbetrieben und Arbeitsstellen ohne Mobbing, Konflikten und Intrigen. Wir träumen nach einer Gesellschaft frei von Benachteiligungen und Ausgrenzungen, wir wünschen uns eine geschwisterliche Kirche ohne Polarisierung und Spaltung, ohne Schismen und Glaubensuntreue. Nur in der Eucharistie werden diese Wunden und Plagen geheilt. Die Worte des hl. Paulus sind ganz klar: «Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.» In seinem Blut und in seinem Leib, in ihm, im Sohn Gottes gibt es keinen Platz, keine Möglichkeit für etwas, das nicht gegenseitige Liebe, Zuneigung, Respekt und Wertschätzung ist. Wenn wir den Herrn in der Kommunion empfangen, sollten wir bereit sein, auch alle Menschen in unser Herz einzuschliessen, sonst widersprechen wir mit unserer Gesinnung dem behaupteten Wunsch, den Herrn zu empfangen. Wenn wir Jesus vereint mit seiner Gesinnung empfangen, ja, mit seiner Gesinnung Heiland aller Menschen zu sein, werden die Keime der Zwietracht in uns besiegt.

Wahrscheinlich haben wir oft nicht den Eindruck, dass das ewige Leben für uns bereits begonnen hat und wir können nicht unbedingt feststellen, dass es eine friedvolle Welt gibt, dass ein liebevoller Umgang in Kirche und Gesellschaft besteht. Es handelt sich im Grunde – wie im Alten Testament – um den Pilgerweg durch die Wüste. Die göttliche Nahrung, das wirkliche Manna Gottes, die hl. Eucharistie verwandelt den Hunger und den Durst in der Lebenswüste in Liebe und ewiges Leben, in Eintracht und Frieden. Diese Verwandlung hängt nicht zuletzt von unserem echten eucharistischen Glauben ab.

Das Leben Marias war bereits mitten in der Wüste des irdischen Lebens – die auch ihr nicht erspart blieb – Himmel auf Erden, weil sie stets im Glauben und in der Realität Jesus, den Sohn Gottes, empfing. In ihrer Nähe, unter ihrem Schutz werden wir als Anbetende des Leibes und Blutes Christi in der hl. Eucharistie, in der Hingabe seines Lebens für uns, im Messopfer den Vorgeschmack des Himmels erfahren können. Amen

 

Chur, 4. Juni 2026

Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur

 

Fotos: Melanie Küng

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