Homilie zu Pfingsten
Liebe Schwestern und Brüder
Wir haben gehört, wie die Jünger Furcht und Angst hatten und hinter verschlossenen Türen beisammen waren. Der Auferstandene brachte ihnen eine neue, frische, friedvolle, mutige und kühne Haltung. Es ist das Erleben von Frieden im eigenen Herzen und gegenüber allen: Friede sei mit euch! Die Ängste sind vorbei, die Verschlossenheit ist vorbei; wir brauchen uns vor nichts zu fürchten.
Er wird ihnen beibringen, dass – wie der Vater ihn in die Welt gesandt hat – so sendet er sie in die Welt. Aufgepasst: in die Welt, in die ganze Welt, offen für alle Anliegen der Welt, als Heil, Freude und Frieden für die ganze Welt, für die ganze Menschheit. Christus ist nicht der Erlöser und Heiland nur einer Gruppe, eines auserwählten Volkes oder einer privilegierten Nation.
Was damals am ersten Tag des Auferstandenen geschah, den wir als ersten Tag der auferstandenen Weltfamilie, der Familie der Kinder Gottes bezeichnen können, hat sich am Pfingsttag vollendet, den wir heute feiern. Öffnen wir uns! Verschliessen wir uns nicht! Zeigen wir keine Angst vor Fremden, sondern machen wir aus Fremden Geschwister!
Ich habe heute nicht vor, eine politische Predigt zu halten, und ich habe nicht die Absicht, eine Abstimmungsparole zu geben. Ich möchte vielmehr das Klima dieses Festes auf uns wirken lassen.
Das erste Wort des Auferstandenen ist ein Wort, eine Botschaft des Friedens, ein Appell zum Frieden. Gott will Frieden auf Erden, was mit jeder Kriegsgesinnung unvereinbar ist. Gott hat nie Kriege gesegnet, Gott hat nie Kanonen gesegnet! Die kriegerischen Erzählungen im Alten Testament, in der Bibel, müssen im Lichte der Botschaft Jesu interpretiert werden – und nicht umgekehrt. Eine Christin, ein Christ ist dazu berufen, eine Friedensbotschaft für seine Umgebung und für die ganze Welt zu sein. Gerne zitiere ich einige Worte von Papst Leo, die er letzte Woche in seiner Ansprache anlässlich des Besuchs der Universität La Sapienza in Rom hielt:
«Im letzten Jahr sind die Militärausgaben weltweit und insbesondere in Europa enorm gestiegen: Man sollte eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit schürt, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie untergräbt und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl gleichgültig ist, nicht als „Verteidigung“ bezeichnen. Zudem muss die Entwicklung und Anwendung künstlicher Intelligenz im militärischen und zivilen Bereich überwacht werden, damit sie nicht die Verantwortung für menschliche Entscheidungen entzieht und die Tragik von Konflikten nicht verschlimmert. Was derzeit in der Ukraine, im Gazastreifen und in den palästinensischen Gebieten, im Libanon und im Iran geschieht, verdeutlicht die unmenschliche Entwicklung der Beziehung zwischen Krieg und neuen Technologien in einer Spirale der Vernichtung. Studium, Forschung und Investitionen müssen in die entgegengesetzte Richtung gehen: Sie müssen ein radikales „Ja“ zum Leben sein! Ja zum unschuldigen Leben, ja zum jungen Leben, ja zum Leben der Völker, die nach Frieden und Gerechtigkeit rufen!»
Um sich persönlich für den Frieden zu engagieren und Frieden zu stiften, müssen wir Frieden im eigenen Herzen haben. Dies ist die Wirkung des Heiligen Geistes. Er versöhnt uns mit Gott und mit dem Nächsten. Das Pfingstereignis ist überdeutlich: Der Heilige Geist verbindet alle Sprachen und macht den Dialog zwischen den verschiedensten Menschen und Weltanschauungen möglich. Der Heilige Geist fördert die Eintracht zwischen verschiedenen Kulturen, Nationen, Religionen und Ländern:
«Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes grosse Taten verkünden.»
Die grösste Tat Gottes, die endgültige Tat Gottes besteht darin, dass er seinen göttlichen Sohn in die Welt gesandt hat, um alle Menschen zu retten, um alle Menschen ohne Unterschied zu lieben.
Wir sind heute am Pfingstfest eingeladen, angespornt und berufen, Freude an der Vielfalt zu haben, den Dialog mit allen zu pflegen und niemanden auszuschliessen. Die Barrieren wurden von Christus überwunden: die Trennungen, die Vorurteile, die Diskriminierungen. Wie der heilige Paulus schreibt: «Denn wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden, so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.»
Lassen wir uns vom Heiligen Geist betören und erobern: Erlauben wir ihm, dass er aus unserem Herzen eine Oase und eine Quelle des Friedens mache. Amen.
Zürich, 24. Mai 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur
Foto: Pfingstaltar in der Krypta der Kathedrale in Chur, Mai 2026