Homilie zur Diakon- und Priesterweihe
Liebe Weihempfänger
Liebe Mitbrüder
Liebe Schwestern und Brüder
Euch beiden, lieber Sven und lieber Mauro, möchte ich die drei Empfehlungen auf den Weg geben, die im heutigen Tagesgebet formuliert sind. Die Bitte an Gott lautet: «Mach alle, die sich in den Dienst der Kirche stellen, umsichtig im Handeln, freundlich im Umgang und beharrlich im Gebet.»
Wir stellen uns in der Kirche und der Kirche in den Dienst, um Gott und den Menschen zu dienen. Es bedeutet, für die Menschen da zu sein, ohne Distinktionen, ohne Parteinahme, ohne Ausnahmen, ohne Zeiteinschränkung, bedingungslos und endgültig. Dieser allumfassende Dienst kann nur in inniger Verbundenheit mit Gott solider und grossherziger werden. Tag für Tag – bis ans Ende der irdischen Pilgerschaft – Gott ungeteilt dienen, ist die Grundlage für die Liebe zu den Menschen, die Gott von uns erwartet.
«Gott ist für uns», schreibt der heilige Paulus an die Römer. Er ist immer auf unserer Seite, er lässt uns nie im Stich. Niemand, niemals, nichts «können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.» Die einzige Frage ist dennoch: Sind wir stets für Gott, mit Gott, in Gott? Handeln wir immer durch ihn? Gibt es Situationen, Umstände, Pläne, Wünsche, Absichten, die uns dazu verleiten, auf Distanz zu Gott zu gehen? Hier kommt die dritte Bitte des Gebetes zum Zuge: Beharrlich im Gebet sein. Die tägliche Zeit für das kontemplative Gebet dank der Betrachtung der Heiligen Schrift, die tägliche Zeit für das Stundengebet im Namen der Kirche und für die ganze Kirche, die tägliche Zeit für die Eucharistiefeier, die treue tägliche Zeit für das betrachtende Beten des Rosenkranzes sind eine Lebensnotwendigkeit für die Wirksamkeit des Dienstes und für die Beharrlichkeit im Dienst. Es sollte immer möglich sein, dafür die nötige Zeit zu finden.
Auch die Umsichtigkeit im Handeln wird im heutigen Tagesgebet als Bestandteil des kirchlichen Dienstes hervorgehoben. Petrus und seine Gefährten hatten während der ganzen Nacht nichts gefangen. Der Herr fand sie dennoch am Ufer daran, die Netze zu waschen. Sie bereiteten sich – trotz der nächtlichen Enttäuschung – für den nächsten Fischfang vor. Als Jesus Petrus aufforderte, die Netze auf hoher See auszuwerfen, tat er es sorgfältig, gekonnt und professionell. Rein menschlich war dies alles andere als logisch. Petrus aber hatte aufmerksam und tiefsinnig die Art des Herrn betrachtet und traut ihm ganz. Das umsichtige Handeln beinhaltet, richtig die Umstände, die Situation zu beurteilen; nicht zu früh, unüberlegt, aber auch nicht zu spät, passiv, zögern oder träge zu handeln. Da ist die Gabe der Unterscheidung auschlaggebend. Es ist eine Gabe des Heiligen Geistes. Am Montag war ich unterwegs mit den in den letzten Jahren geweihten Priestern und ich sagte ihnen in der Predigt, dass sie eine dicke Freundschaft mit dem Heiligen Geist pflegen sollten, was ich heute hier sehr gerne wiederhole. Für die Seelsorge – aber ich würde meinen – für ein aktives und ermutigendes, christliches Leben sollten wir alle stets einen inneren Dialog mit dem Heiligen Geist pflegen.
Wenn Gott mit uns ist, verändert sich alles. Das Unlogische wird logisch. Das Verrückte wird vernünftig. Das Unmögliche wird nicht mehr unmöglich: «Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? (…) Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.» Umsichtigkeit im Handeln – an der Hand unseres Herrn – bedeutet mit dem Wagemut des Glaubens und mit der Hingabe der Liebe zu handeln.
Lieber Mauro, lieber Sven, behält den Schwung, den ihr mit der heutigen Weihe erhält bis zum letzten Tag eures Lebens. Noch besser: Setzt euch ein, damit Tag für Tag dieser Schwung wächst: Duc in altum! «Fahr hinaus, wo es tief ist!» Begnügt euch nicht mit dem, was rein menschlich vernünftig ist, mit dem Flachen, mit dem Einfachen. Geht immer in die Tiefe, wagt euch hinein in die Liebe, seid immer bereit zur Lebenshingabe, so wie Christus. Versucht nie, nein zu sagen, wenn Gott von euch etwas für die Menschen erwartet. Als Christen und Christinnen sollten wir bereit sein, im Auftrag des Herrn, im Leben waagemutig zu sein, auf alle tiefen Seen des Lebens und der Welt hinauszufahren; das gilt umso mehr für geweihte Seelsorger. Die Weihe, gesalbt zu werden, ist zugleich Sendung, gesandt zu sein. Möge euch der Heilige Geist, liebe Weiheempfänger, heute und immer neu eine Bereitschaft schenken, die allumfassend bleibt, ohne Ausklammerungen, ohne Vorbehalte, ohne Ferienintervalle, ohne die Mentalität, jetzt kann ich privatisieren und das geht niemanden etwas an. Das Privatleben der Seelogenden ist stets öffentliches Privatleben. Auch das Private ist Zeugnis, ist Verkündigung: Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes!
Mehr denn je ist Freundlichkeit im Umgang nötig. Viele Menschen sind verunsichert, entmutigt, orientierungslos. Unsere Kirche sollte eine Kirche sein, die eine einladende, Wärme schenkende Beheimatung allen anbietet. Als Petrus den reichen Fischfang erlebte, sagte er zum Herrn: «Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr!» Erst gerade nach diesem Bekenntnis erachtete Jesus ihn als geeignet für die Nachfolge, geeignet, um Menschenfischer zu werden. Der Glaube und die Hingabe des Lebens sollten uns nicht dazu verleiten, uns besser als die anderen zu fühlen, sie zu korrigieren, zu tadeln, zu verurteilen, ihre Lasten noch weiter zu erschweren. Es ist sehr befreiend, sich als Sünder mit der sündigen Menschheit zu verstehen. Das macht uns verständnisvoll, barmherzig, mit einem Herzen, das offen für alle steht, wie der Papst vor Kurzem in seiner Predigt an die neu geweihten Bischöfe in Anlehnung an Papst Franziskus bekräftigte: «Niemand, wirklich niemand darf sich als von Gott verstossen betrachten, und ihr werdet die Verkünder dieser frohen Botschaft sein, die im Mittelpunkt des Evangeliums steht.»
Maria war bis zum letzten Augenblick ihrer irdischen Pilgerschaft beharrlich im Gebet. Sie harrte im Gebet zusammen mit den Aposteln aus, und so wurde die Kirche geboren. Meine Lieben, gebiert die Kirche Tag für Tag im ständigen Gebet, marianisch, erfüllt vom Heiligen Geist. Amen
Chur, 9. Mai 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur