Karfreitag - Bischof Joseph Maria predigt zu Jesajas Lied
Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder
Zu Beginn möchte ich einige der Aussagen des Propheten Jesaja, die wir vorher gehört haben, nochmals auf uns wirken lassen:
«Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.» Wenn jemand sich unseren Schmerzen und Krankheiten bewusst ist, ja, von all dem, was uns schwächt und kränkt, so ist es Jesus, der Sohn Gottes. Die Menschheit macht durch die Jahrtausende hindurch vieles durch. Die Geschichte der Menschheit kennt unzählige Krankheiten und Gebrechlichkeiten. Das hat Gott dazu bewegt, durch die Menschwerdung seines Sohnes, diese Wunden auf sich zu nehmen. Die Geschichte der Welt geht weiter, trotz den unseligen Verletzungen der Gerechtigkeit, der Geschwisterlichkeit, der Einheit und des Guten, weil Gott bereit ist, das auf sich zu nehmen und mit uns zu tragen.
Jesaja sagt weiter: «Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.» Liebe Schwestern und Brüder, Gott versteht uns sehr gut. Gott kennt im Tiefsten all die Verwundungen unseres Herzens. Niemand kann so gut mitempfinden mit uns, wie Gott selber.
Noch ein drittes Wort des Propheten: «Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.» Unsere Schuld, unsere Untreue, unsere Unbeständigkeit bremsen Gott nicht in der Liebe, entmutigen ihn nicht, sondern sind für ihn stets Ansporn, uns noch mehr zu lieben, all das, was uns belastet, auf sich zu nehmen, uns zu entlasten.
Im Herrn Geliebte, in hervorragender Weise wird dies im Brief an die Hebräer, aus dem wir auch gehört haben, zum Ausdruck gebracht: «Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche…» Gott ist in seinem Leiden in die tiefsten Abgründe der Schwachheit hinabgestiegen, damit wir in unseren Schwachheiten verstanden und getragen werden können.
Wenn wir nun die Passion verinnerlichend betrachten, können wir dort unzählige Augenblicke entdecken, wo dieses Verständnis des Herrn für unsere Schwächen zum Vorschein kommt. Gerne möchte ich heute einige wenige dieser Begebenheiten mit Ihnen gemeinsam anschauen.
Pilatus versuchte Jesus freizugeben. Wie wir wissen, lag damals Bárabbas wegen Mord im Gefängnis und deswegen war er zum Tod verurteilt. Pilatus schlug der Menge vor, zwischen Jesus und Barabbas zu wählen, da er jedes Jahr zum Paschafest einen Verurteilen freigeben konnte. Wie wir hörten, fragte er die Menschen: «Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freilasse?» Die Menschen schrien erneut: «Nicht diesen, sondern Bárabbas!» Ich frage mich: wurde sich Bárabbas bewusst, warum er freikam? Hat er verstanden, dass Jesus die Ursache seiner Freiheit war? Fühlte er sich Jesus gegenüber zu Dank verpflichtet? Ist er überhaupt je Jesus begegnet? Hat sich danach in seinem Leben etwas verändert? Wie hat er weitergelebt? Es ist eher wahrscheinlich, dass er meinte: Ja, ich habe Glück gehabt. Pilatus ist ein toller Statthalter, er hat mich begnadigt. Im Herrn Geliebte, manchmal habe ich das Gefühl, dass wir alle Bárabbas ähnlich sind. Wir laden immer wieder Schuld auf uns und dennoch leben wir weiter frei, dürfen wir weiterleben und auch wir meinen oft, wir hätten Glück gehabt, der Zufall hat uns entlastet, etwas das uns gefährlich bedrohte, ist plötzlich verschwunden. Wir sind uns nicht ganz bewusst, dass die Quelle dieser Befreiung und Eintlastung Jesus ist, der Sohn Gottes, der das Belastende, das Bedrohliche, die Schuld auf sich genommen hat. Es gibt viele Pannen im Alltag der Welt und die Geschichte geht doch weiter, weil Jesus unsere Schwächen sehr gut verstehen kann. Er teilt diese mit uns und so werden wir stets erleichtert in unseren Schwächen.
Wir haben heute viel von Petrus und seiner Schwachheit gehört. Vieles, was Jesus vorhatte und tat, konnte Petrus nicht verstehen. Als Jesus begann von seinem kommenden Leiden zu sprechen, konnte Petrus das überhaupt nicht einordnen und versuchte es zu verhindern. Er widersprach Jesus. Als Jesus seine Füsse waschen wollte, widersetzte er sich vehement. Er erklärte sich bereit, mit Jesus und für Jesus zu sterben und konnte wirklich nicht verstehen, dass Jesus ihm ankündigte, er werde ihn verleugnen. Als Petrus dann den Tapferen spielte und mit dem Schwert Jesus verteidigen wollte, befahl Jesus ihm, das Schwert wieder in die Scheide zu stecken. Mit all diesen Widersprüchen – auch nachdem er Jesus drei Mal tatsächlich verleugnet hatte – blieb Petrus dennoch mit diesen krassen Inkonsequenzen und Inkohärenzen in der Nähe Jesu. Wir sehr konnte Jesus diese Schwachheit verstehen! Petrus konnte alles bereuen, beweinte es, weil Jesus durch und durch diese Schwachheit verstand und auf sich nahm. Liebe Schwestern und Brüder, auch Judas konnte vieles nicht verstehen. Es besteht kaum ein Unterschied zwischen Judas und Petrus und doch ein gewaltiger. Petrus blieb mit seiner Schuld, mit seiner Schwachheit, mit seiner Verleugnung in der Nähe Jesu. Von Judas hören wir kein Wort: Er blieb stumm und ging aus dem Abendmahlssaal weg. Dieser Augenblick ist die einzige Nacht, die wirklich Nacht war. Er verpasste die Möglichkeit, in der Nähe dessen zu bleiben, der wie sonst niemand seine Schwäche verstehen konnte. Ich frage mich: Werden wir heute nach dieser Liturgie in dem Bewusstsein nach Hause gehen, dass unsere Schwächen, unsere Sünden und unsere Schuld keine Barriere zwischen Gott und uns darstellen? Sie stellen keine Barriere dar, solange wir vertrauensvoll alles bei Jesus zur Sprache bringen; solange wir uns mit ihm austauschen – nicht zuletzt über das, was in unserem Herzen einen Hauch von Verrat bedeutet. Solange wir mit all diesen Schwächen bei ihm bleiben und Zuflucht bei ihm suchen.
Erlaubt mir zum Schluss, dass ich etwas über die Frauen unter dem Kreuz sage: Wir sind gewohnt, von den tapferen Frauen zu sprechen. Ich weiss nicht, ob sie so tapfer waren. Sie waren bestimmt auch niedergeschlagen, verzweifelt, voller Schmerzen und leidend dort. Etwas aber haben sie getan: Sie bleiben in der Nähe des Herrn mit all ihrer Schwachheit. Mit welcher Liebe konnte Jesus sie verstehen. Und der Schwächste von allen, Jesus, war dort die Stärke dieser Frauen.
Entschliessen wir uns einmal für immer, nie auf Distanz zu Jesus zu gehen, gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, dass er nicht mit uns zufrieden sein kann. Vergessen wir es nie: Es gibt niemanden, der besser als er mit unseren Schwachen mitfühlt. Amen
Chur, 3. April 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur