Die Predigt des Bischofs in der Osternacht
«Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Mágdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.»
Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder
Dieser Tagesanbruch, dieser Sonnenaufgang unmittelbar nach der Auferstehung unseres Herrn, war nicht ein Tagesanbruch wie die anderen. Es heisst, dass das Aussehen des erschienen Engels wie ein Blitz strahlte und dass sein Gewand weiss, lichtvoll, schatten- und fleckenfrei aussah wie Schnee. Alles ist bzw. sollte, ja alles könnte – nachdem Jesus über den Tod siegte – Licht, Energie, Klarheit und Schönheit ohne Ende sein: Der vollendete Tag Gottes, der endgültige Tagesanbruch.
Es gibt nicht mehr die Dunkelheit des Grabes, des Sarges, des Abgrundes der Erde. Es gibt nicht mehr die dunkle Niederträchtigkeit des Hasses, des Egoismus, des Krieges, der Ungerechtigkeit, der Diskriminierung und der Zwietracht. Wenn ich es so sage, denken Sie alle wahrscheinlich: Der Bischof ist blind geworden; all das grassiert doch noch in unserer Welt. Ja, ich weiss, leider ist das vorhanden und dennoch ist es nur noch ohne Stachel des Todes vorhanden. Wirklich aktuell ist nur die Auferstehung Christi – und wenn wir Christinnen und Christen als Menschen der Auferstehung durch und durch leben würden und im Grunde alle Menschen vom Licht der Auferstehung erreicht werden könnten bzw. sich erreichen lassen würden, würde – was ich vorher geschildert habe – die einzige Realität.
Die neue Zeit des Lichtes, die vollendete Zeit des Lebens, des Lichtes und des Friedens ist schon endgültig angebrochen: Es gibt keine Retour mehr zu den dunklen Höllen und Gräbern der Rivalität und der Arroganz, der Tyrannei und der Imperialismus. Die Zeit der Furcht, die Chancen der aggressiven, bedrohlichen, dunklen Wolken der Furcht sind verschwunden: Der auferstandene Heiland sagt uns: «Fürchtet euch nicht!» bzw. Fürchtet euch nicht mehr! Wie Paulus schreibt: «Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn.»
Im Herrn Geliebte, wir haben am Anfang der heutigen Wortliturgie gehört, wie die Geschichte des Universums begann, die Menschheitsgeschichte: «Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.» Dieser erste Tag schildert die Grundwahrheit des göttlichen Planes. Wir haben immer den Eindruck, dass seitdem – obwohl Gott es anders wollte – eine heftige Rivalität zwischen Licht und Finsternis besteht. Die Osternacht aber verkündet den Sieg des Lichtes. Im lebendigen Erlöser begegnen sich der erste Tag der Schöpfung und der Sonnentag des Herrn. Es ist der Sieg des Lichtes über die Finsternis, über alle Gräber der Geschichte und über die scheinbare Nacht aller tötenden Waffen. Es war dazwischen nur ein kurzes Intermezzo, Christus ist definitiv der Tag ohne Ende, der Tag ohne Finsternis, der Tag ohne Sonnenuntergang. Mit ihm gibt es im Grunde keinen Tag mehr ohne Licht, weder Leblosigkeit noch Totenstarre und alle Spaltungen und kämpferischen Auseinandersetzungen sollten durch das Leben der Kinder des Lichtes Vergangenheit sein. Wie passend drückt das Osterlob all das poetisch aus: «Dies ist die Nacht, von der geschrieben steht: „Die Nacht wird hell wie der Tag, wie strahlendes Licht wird die Nacht mich umgeben.“ Der Glanz dieser Heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude. Weit vertreibt sie den Hass, sie einigt die Herzen und beugt die Gewalten.»
Auf Italienisch spricht man von una persona solare, und von un carattere solare. Dadurch bezeichnet man … will man zum Ausdruck bringen, dass ein solcher Mensch ein sonniger Mensch ist, dass er einen sonnigen Charakter bzw. eine sonnige Persönlichkeit aufweist. Gemeint ist, dass dieser Mensch für die anderen Orientierung, Wärme, Zuflucht, Zuhause, Umarmung, Zärtlichkeit, Wohlwollen ist. Ein solcher Mensch wirkt anziehend, besitzt eine besondere Ausstrahlung von Empathie, Geschwisterlichkeit, von Güte und Fröhlichkeit, von Verständnis und Sympathie: Ein Mensch des Lichtes, ein sonniger Mensch.
Liebe Schwestern und Brüder, Ostern beruft uns, solch sonnige Menschen zu werden. Es hängt auch von uns ab, dass der Tag des Herrn, der Sonnentag, der Tag des Lichtes, des Lebens und der Liebe wirklich die Konstante bleibt und andauert bis zum Ende. Mit dem Gebet am Ende des Osterlobes schliesse ich nun auch meine Predigt ab: «O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet! Darum bitten wir dich, o Herr: Geweiht zum Ruhm deines Namens, leuchte die Kerze fort, um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben. Nimm sie an als lieblich duftendes Opfer, vermähle ihr Licht mit den Lichtern am Himmel. Sie leuchte, bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht: dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten erstand, der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht; der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit.»
Chur, 4. April 2026
Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur