Pontifikalamt zu Palmsonntag

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Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder

Der Evangelist Matthäus beschreibt den Einzug des Herrn in Jerusalem und zitiert den Propheten Sacharja: «Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.» Die Art dieses Einzuges, auf einem jungen Lasttier unter dem Jubel einfacher Leute, die ihre armseligen Kleider auf dem Weg ausbreiten, zeigt überdeutlich die schlichte, demütige, sanftmütige Lebenshaltung unseres Erlösers.

Soeben haben wir das Leiden des Herrn, seine Passion gehört und betrachtet. Alle Etappen dieses Leidensweges zeigen die Sanftmütigkeit Jesu in noch beeindruckender Art und Weise. Seine Bescheidenheit und Wehrlosigkeit, seine Sanftmut bis zum Schluss prägen das ganze Geschehen. Der hl. Paulus bringt dies auch in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi zu Sprache: «Er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.» Heute möchte ich hier gern unterstreichen und ergänzen: sanftmütig bis zum Tod.

Bereits beim Letzten Abendmahl bringt Jesus den Verrat, den er erleiden würde, ehrlich zur Sprache, ohne aber den Verräter zu verurteilen oder blosszustellen. Als dieser ihn im Ölgarten küsste, nannte er ihn dennoch Freund. Als Petrus zum Schwert griff, sagte Jesus überdeutlich: «Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.» Während all den Stunden des Leidens und der Kreuzigung finden wir kein einziges aggressives Wort im Munde Jesu. Ich will es noch krasser zum Ausdruck bringen: Wir finden keine Spur von Aggressivität in seinem Herzen.

Als Pilatus dem Herrn Fragen stellte, bzw. ihn mit den Anschuldigungen konfrontierte, sagte dieser kein einziges Wort der Selbstrechtfertigung. Das reuige Weinen des Petrus nach seiner dreifachen Verleugnung deutet an, dass Jesus ihm mit einem barmherzigen, verzeihenden Blick begegnete. Er wurde angespuckt, geschlagen, verhöhnt, gedemütigt und er bat den göttlichen Vater um Vergebung für all diese Menschen. Die Worte der dabeistehenden Leute, der Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten: Steige herab vom Kreuz; wenn du Gottes Sohn bist, rette dich selbst, dann werden wir an dich glauben; zeige, dass Gott Gefallen an dir hat, denn du meinst, Gottes Sohn zu sein…, waren wahrhaftig höchste Provokation. Wie leicht wäre es für unseren Erlöser gewesen, tatsächlich machtvoll das Kreuz zu verlassen und das ganze Infragestellen zu besiegen. Er stieg nicht herab und liess sanftmütig alle gewähren. Und dort, in seiner Ohnmacht, verspricht er dem Schächer das Paradies und kümmert sich zärtlich um seine Mutter Maria. Als er sagte: Es ist vollbracht, war die Heilsgeschichte der Sanftmut Gottes bis zum Äussersten vollbracht.

Im Herrn Geliebte, werden wir irgendwann lernen und beherzigen, wird die Menschheit irgendwann endlich verstehen, dass Gewaltanwendung gegen erlittene Gewalt keine Lösung ist? Werden wir nach und nach auf überflüssige Worte der Rechtfertigung verzichten? Und wie steht es mit aggressiven, verletzenden Äusserungen?

Während seines Leidens hat Christus uns bis zuletzt vorgelebt, was er gepredigt hatte: «Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.» Und im Lukas-Evangelium heisst es: «Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd

Liebe Schwestern und Brüder, nur die Liebe kann den Hass überwinden, nur ein sanftmütiger, friedvoller Dialog kann die Kriege wirklich beenden. Was wir bestimmt gerne den Politikern und Mächtigen sagen würden, sollten wir selber in unserer Umgebung umsetzen. Sind wir wirklich in unserer familiären Umgebung, in unserem politischen Wirken, in der Nachbarschaft, in den Socialmedia, als Schülerinnen und Schüler in der Schule, ja am Arbeitsplatz konsequent, hartnäckig, sanftmütige Friedensstiftende?

Vom Kreuze Jesu herab, aus seinem Herzen heraus, hat nie aufgehört ein Strom der Sanftmut zu fliessen. Er verurteilt die Welt nicht, sondern heilt sie. Von uns hängt es auch ab, dass dieser Strom weiterfliesst.

 

Chur, 29. März 2026

Joseph Maria Bonnemain
Bischof von Chur

 

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