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Bistum Chur

Kirchlicher Moralismus ist ein Bumerang

Von Generalvikar Martin Grichting

Wieder steht die katholische Kirche wegen Missbrauchsskandalen am Pranger. Das kommt nicht nur daher, dass ihre Ordensgemeinschaften lange im Erziehungswesen engagiert waren und Täter dies ausnutzen konnten. Staatliche Bildungseinrichtungen, Sportverbände und Behindertenorganisationen hatten auch Leichen im Keller. Die katholische Kirche wird aber zu Recht härter kritisiert, weil sie in letzter Zeit allzu sehr als Moralinstanz aufgetreten ist und an andere hohe moralische Massstäbe angelegt hat. Sie hat immer weniger die Auferstehung von den Toten verkündet und dafür Abstimmungsempfehlungen abgegeben, zum Beispiel über Verkaufszeiten von Tiefkühlpizzas an Tankstellen. Und sie hat es als ihre Aufgabe angesehen, alle zum achtsamen linksgrünen Leben zu führen. Das war hochgradiger Moralismus. Und je höher man fliegt, desto brutaler ist dann der Absturz.

Auf das Leid der Missbrauchsopfer und den Image-Schaden muss die katholische Kirche deshalb nicht nur mit Aufarbeitung und der Bestrafung der Täter reagieren, so sehr das geboten ist. Die Frage ist auch, wie sie in Zukunft auftreten will. Sicher ist es für sie in einer postchristlichen Gesellschaft verlockend, nicht mehr primär religiöse Botschaften zu verbreiten, sondern als zivilreligiöser Moralinspender zu fungieren.

Zweifellos gehört zum kirchlichen Verkündigungsauftrag auch das Sprechen über Moral, aber nicht zuerst und nicht vor allem. Den Verfassern des 1992 erschienenen „Katechismus der katholischen Kirche“ war das noch sehr bewusst. Sie haben im ersten Teil das Glaubensbekenntnis erklärt, wer Gott ist und wer wir sind. Im zweiten Teil wird von den Sakramenten gesprochen: das sind die „Hilfsmittel“, damit wir Christen sein können. Dann, erst im dritten Teil, ist von den zehn Geboten die Rede. Genial ist dabei, dass die Rede über die Moral mit einem Zitat von Papst Leo dem Grossen eingeleitet wird. Er sagte vor über 1500 seinen Gläubigen: „Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde“. Zuerst kommt also die Würde des Christseins: zur ewigen Gemeinschaft mit Gott berufen zu sein. Der Mensch ist nicht ein durchgeknalltes Tier, das im Unterschied zu anderen Tieren zwar denken und deshalb die Welt beherrschen kann, dann aber genauso wie die anderen Tiere verlöscht. Nein, er ist ein Kind Gottes, das eine ewige, über das Diesseits hinausgehende Bestimmung hat. Das ist der Kern der christlichen Religion. Nur wenn das zuerst gilt und angenommen wird, kann die Kirche dann ‒ im Sinne der Moral ‒ für ein kohärentes Leben gemäss dieser Bestimmung werben. Moral ist immer ein „Zweites“, nicht Selbstzweck einer Religionsgemeinschaft.

Wenn eine Religionsgemeinschaft Moralismus betreibt, indem sie im Namen Gottes politische Botschaften unter die Leute bringt oder diese nach den Kriterien der politischen Korrektheit in Gute und Böse einteilt, verfehlt sie also nicht nur ihre Aufgabe. Sie wirft einen Bumerang. Und sie braucht sich nicht zu wundern, wenn der in Form von Skandalberichten über das kirchliche Bodenpersonal zurückkommt. Die Kirche, das Schiff Petri, wird durch Tausende von Nieten zusammengehalten. Wenn sie das selbst vergisst, wird sie früher oder später von anderen daran erinnert.

 

Der Beitrag ist in gekürzter Form im „Blick“ vom 21. Februar 2017 erschienen.

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