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Ansprache von Bischof Peter Bürcher, Apostolischer Administrator des Bistums Chur, anlässlich der Eröffnungsfeier des Domschatzmuseums am Donnerstag, 27. August 2020

Exzellenz, hochwürdigster Herr Nuntius
Lieber Bischof Markus
Lieber Abt Urban
Sehr geehrter Herr Regierungsrat Dr. Jan Domenic Parolini
Sehr geehrter Herr Regierungsrat Kaspar Michel
Sehr geehrter Herr Landammann Andrea Bettiga
Sehr geehrte Frau Nationalrätin Martullo-Blocher
Sehr geehrter Herr Stadtpräsident Urs Marti
Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst
Sehr geehrte Damen und Herren

Ganz herzlich darf ich Sie zur Eröffnung des Churer Domschatzmuseums willkommen heissen. Ich freue mich, dass trotz der bekannten widrigen Umstände, in denen sich der Staat, die Gesellschaft und auch die katholische Kirche befinden, so viele der Eingeladenen heute da sein können. 

Unser neues Domschatzmuseum beherbergt neben den Kultusgegenständen und Kunstschätzen des Bistums Chur, das mindestens auf das Jahr 451 zurückgeht, auch die so genannten «Churer Todesbilder». Es ist ein Bildzyklus aus dem Jahr 1543, der nach Vorlagen von Hans Holbein dem Jüngeren geschaffen wurde. Die Todesbilder wollen den Menschen mit seiner Sterblichkeit konfrontieren. Vielleicht hatte es nur logistische und organisatorische Gründe, dass dieser Bilderzyklus nun während über 40 Jahren der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war. Man kann darin aber auch ein Zeichen der Zeit sehen: Der Tod ist nicht vorgesehen im Denken der Menschen. Das ist zu keiner Zeit so gewesen. In unserer Zeit, die so sehr auf die Leistung, auf das Schaffen und das Können des Menschen abstellt, ist das Ende menschlicher Möglichkeiten noch mehr ein Tabu.
          Insofern hat es vor einigen Jahren Mut erfordert, diese Bilder wieder aus dem Keller zu holen und sie den Menschen von heute zu zeigen. Gleichwohl hätte man noch vor ein paar Monaten die Todesbilder vermutlich vor allem als Meisterwerk der Kunst neu zur Kenntnis genommen. Aber dann kam ja bekanntlich Corona. Und da hat der Begriff «Churer Todesbilder» unvermittelt eine neue Bedeutung bekommen. Denn der Tod und das Leid sind uns auch hier in Chur in einer Art und Weise plötzlich wieder nahegekommen, wie wir es wohl nicht vermutet hätten. So sind die «Churer Todesbilder» von 1543 plötzlich mitten in der Wirklichkeit von 2020 angekommen. Sie stellen uns, zusammen mit den aktuellen Todesbildern, die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschseins, nach dem Sinn unseres alltäglichen Tuns. «Memento mori» sagen sie uns. Denke daran, dass Du sterben musst. Und sie tun es im Kontext der christlichen Weltdeutung. Für Christen ist ja der Tod nicht das Ende. Vielmehr ist er der Übergang zu einem anderen Leben, das erst die Fülle des Lebens verheisst und das dem diesseitigen Leben erst seinen letzten Sinn zu geben vermag. Deshalb ist nach christlichem Glaubensverständnis Zeit nicht Geld. Sondern Zeit ist Ewigkeit: Was hier in der Zeit beginnt, prägt uns für die Ewigkeit in Gottes Gemeinschaft.
          Der englische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton hat einmal gesagt: «Ich leugne nicht, dass es Priester geben muss, die die Menschen daran erinnern, dass sie eines Tages sterben müssen. Nur meine ich, dass zu gewissen Zeiten auch eine andere Art von Priester nötig ist, die man Dichter nennt, welche die Menschen daran erinnern, dass sie noch nicht tot sind». Und ich denke, zu dieser anderen Art von Priestern könnte man nicht nur die Dichter, sondern die Künstler überhaupt zählen. Auch deren Wirken geben wir Raum im neuen Domschatzmuseum. Denn, wie das II. Vatikanische Konzil gesagt hat, war die Kirche immer eine Freundin der schönen Künste (SC 122). Sie hat in den wahren Kunstwerken stets Zeichen und Symbole überirdischer Wirklichkeiten gesehen (ebd.). Und so hat das Konzil betont: «Zu den vornehmsten Betätigungen der schöpferischen Veranlagung des Menschen zählen mit gutem Recht die schönen Künste, insbesondere die religiöse Kunst und ihre höchste Form, die sakrale Kunst. Vom Wesen her sind sie ausgerichtet auf die unendliche Schönheit Gottes, die in menschlichen Werken irgendwie zum Ausdruck kommen soll».
          Kunst, auf jeden Fall religiöse und sakrale Kunst, ist somit immer ein Widerschein der Schönheit Gottes, des Schöpfers. Denn der Mensch, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist, hat an der Schöpferkraft Gottes seinen Anteil und vermag dadurch selbst etwas von der Schönheit Gottes auszudrücken. Die Werke religiöser und sakraler Kunst, die in unserem Domschatzmuseum nun wieder gezeigt werden, beweisen es. Diese Kunstwerke zeigen zugleich auch die Geschichtlichkeit des Weges Gottes mit dem Menschen. Seit mindestens dem Jahr 451 gibt es das Bistum Chur, bald 1600 Jahre. Als älteste Institution im Gebiet des Kantons Graubünden hat das Bistum Chur alle Irrungen und Wirrungen der menschlichen Gesellschaft, des Staates und der Kultur überdauert. Die Kirche von Chur wurde von den Wechselfällen der Zeit geprägt. Aber vor allem hat sie stets als Verkünderin des Evangeliums die jeweilige Zeit geprägt. Davon zeugen die Objekte des Domschatzmuseums, die aus verschiedenen Jahrhunderten der Kirchengeschichte stammen. Die Kirche von Chur stand auch stets in lebendigem Kontakt mit der Weltkirche. Davon zeugt, um nur ein Beispiel zu nennen, der so genannte «Samsonstoff» aus der Zeit um das Jahr 800. Dieses kostbare Stück Textil stammt aus Syrien, einem Gebiet, das mir sehr am Herzen liegt. Denn ich bin durch meine langjährige Tätigkeit herzlich mit dem Heiligen Land und den dortigen Gläubigen verbunden. Bei all den Sorgen, die wir haben: Vergessen wir sie nicht in ihrer schwierigen Lage!
          Die Kunstwerke des Domschatzmuseums, die aus vielen Teilen der Weltkirche und aus verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte stammen, sind ein Zeichen der Hoffnung. Denn sie sprechen davon, dass Gott sein Volk nicht verlässt. Die Kunstwerke sprechen, vor allem die «Todesbilder», zwar davon, dass wir sterben müssen. Aber als von Priestern anderer Art geschaffene Kunstwerke sprechen sie auch davon, dass wir noch nicht tot sind. Denn sie sagen uns, dass wir in einer langen Geschichte Gottes mit dem Menschen stehen, die zugleich nach vorne offen ist. Und das bedeutet: Der Tod, den uns die «Churer Todesbilder» zeigen, ist nicht das letzte Wort. Das Domschatzmuseum ist damit nicht nur ein Ort, der die Vergangenheit zeigt, sondern ein Ort der Hoffnung, der in die Zukunft weist.
          Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die sich in den letzten Jahren eingesetzt haben dafür, dass der Churer Domschatz und die Todesbilder nun wieder betrachtet werden können. Ich bin mir bewusst, dass ich sozusagen als Arbeiter der letzten Stunde hier nun allen danken darf. Denn ich stehe ja erst seit Mai 2019, und das auch nur vorübergehend, an der Spitze des Bistums Chur. Ich möchte zuerst Dompropst Christoph Casetti erwähnen, der uns im vergangenen Februar in die Ewigkeit vorausgegangen ist. Er war der grosse Promotor des Domschatzmuseums, das er immer als Vollendung der Restaurierung der Kathedrale betrachtet hat. Auf den letzten Metern für Dompropst Casetti eingesprungen ist dann mein Delegierter, Dr. Martin Grichting. Ich danke ihm herzlich für diesen und viele weitere Dienste in dieser für uns alle nicht einfachen Zeit.
Sodann danke ich allen Gremien: dem Diözesanen Administrationsrat, der Baukommission Schloss, den Architektenteams um Dieter Jüngling und Gion Signorell sowie der Betriebskommission des Domschatzmuseums unter der Leitung von Frau Anna Barbara Müller-Fulda. Dankend erwähnen möchte ich auch die kantonale Denkmalpflege um Herrn Simon Berger für die stets vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ebenfalls möchte ich allen Restauratoren und Facharbeitern für ihre akkurate Arbeit, die wir gleich werden bewundern können, herzlich danken.
Zu grossem Dank sind wir auch dem Rhätischen Museum verpflichtet, das über lange Jahre die «Todesbilder» gehütet hat. Wenn nun, mit der Zustimmung der Bündner Regierung, ein Kombiticket Rhätisches Museum ‒ Domschatzmuseum erhältlich sein wird, dann ist das eine schöne Fortsetzung der bisherigen Zusammenarbeit.
Auch den Kanton Schwyz, der mir seit dem Jahr 2015 als emeritierter Bischof Gastrecht gibt, möchte ich dankend erwähnen. Er hat wichtige Bestände sakraler Kunst, die dem Bistum gehören, lange Jahre gehütet. Und der Kanton hat nun dafür gesorgt, dass der «Wollerauer Grabchristus», der aus dieser Sammlung stammt, frisch restauriert im Domschatzmuseum besichtigt werden kann.
Nicht zuletzt möchte ich allen Donatoren ganz herzlich danken, ohne deren grosszügige und wertvolle Unterstützung wir das Domschatzmuseum nicht hätten realisieren können. Eine Tafel dazu ist im Domschatzmuseum angebracht, so dass ich darauf verzichten kann, sie hier vorzulesen. Nochmals ganz herzlichen Dank!
Nun wünsche ich Ihnen allen eine inspirierende Besichtigung unseres neuen Domschatzmuseums. Möge der Glanz und die Schönheit der Kunstwerke uns etwas von dem erahnen lassen, was sich mit Worten nicht ausdrücken lässt.

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