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Die Kirche und Papst Franziskus sind nicht klerikalistisch (von Dr. Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur)

Ich danke dem Blog von zh.kath.ch, dass mein Artikel aus dem „Schweizer Monat“ thematisiert und diskutiert wird. Herr Benno Schnüriger stellt mir in einem Beitrag dazu verschiedene Fragen, auf deren zugrundeliegende Problematik ich hier gern eingehe.

Den Präsidenten des Synodalrats der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich und mich unterscheidet, dass ich kein klerikalistisches Kirchenbild habe. Das heisst: Für mich ist die Kirche mehr als die Hierarchie. Die Kirche handelt nicht nur amtlich, sondern auch durch die einzelnen Gläubigen, die im eigenen Namen als Christen gesellschaftliche Akteure sind, ganz ohne institutionelle kirchliche Funktion. Und selbstverständlich hat die Kirche nicht nur einen Auftrag für die Ungeborenen, sondern auch für die Geborenen. Die Frage ist nur, wie sie diesen Auftrag in einer pluralistischen Gesellschaft wahrnehmen soll. Das II. Vatikanische Konzil, für dessen getreuen Interpreten ich Papst Franziskus halte, hat hierzu wesentliche Antworten gegeben. Herr Schnürigers Text zeigt letztlich, dass diese Antworten noch nicht hinreichend in der Kirche angekommen sind.

Für parteiliche Stellungsbezüge der kirchlichen Hierarchie zu konkreten (wirtschafts-) politischen Sachfragen − und darum ging es in meinem Beitrag im „Schweizer Monat“ − kann man sich weder auf das II. Vatikanische Konzil noch auf Papst Franziskus berufen. Dazu ist er viel zu differenziert und − zu Recht − liberal. Im Gegensatz zu einigen kirchlichen Akteuren in der Schweiz kennt der Papst den Unterschied zwischen einer (partei-) politischen Bevormundung der Laien und einer kirchlichen Verkündigung, die bei zentralen Fragen des Glaubens auch politische Wirkung entfaltet: ersteres schränkt die Freiheit der Gläubigen letztlich ein und versucht diese im Namen des Evangeliums auf konkrete politische Lösungen zu verpflichten, das andere verkündet zwar katholische Grundsätze, aber immer so, dass die Freiheit der Gläubigen in politischen Fragen respektiert wird – im Bewusstsein, dass Christen betreffend Wirtschaftspolitik und sozialer Gerechtigkeit guten Gewissens verschiedene Ansichten haben können. Papst Franziskus weiss das. Und er weiss auch, dass es zu konkreten politischen Fragen keine katholischen Antworten gibt, die man aus der Bibel zweifelsfrei ableiten und den Gläubigen dann kirchenamtlich auferlegen könnte. In seinem Schreiben „Evangelii Gaudium“ sagt er deshalb: Es „besitzen weder der Papst noch die Kirche das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit oder für einen Vorschlag zur Lösung der gegenwärtigen Probleme“ (184). Franziskus ist damit getreuer Interpret des II. Vatikanischen Konzils, das schon 1965 die Bischöfe aufforderte, in den politischen Fragen die Katholiken nicht zu bevormunden: „Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen“ (Lumen Gentium 37). Damit ist nicht gesagt, die kirchliche Hierarchie solle zu allem schweigen und nur noch das Weihrauchfass schwingen: „Immer und überall nimmt sie das Recht in Anspruch, (…) auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen“, hat das gleiche Konzil gesagt (Gaudium et Spes 76).

Aber eine Hierarchie, die sich einseitige Festlegungen zu komplexen wirtschaftlichen und politischen Fragen zutraut, bevormundet die Laien und hat noch nicht rezipiert, was das II. Vatikanische Konzil gelehrt hat: Es sind die Laien, welche „wenn auch nicht ausschließlich, zuständig für die weltlichen Aufgaben und Tätigkeiten“ sind (Gaudium et Spes 43). Das II. Vatikanische Konzil hat hier eine wichtige Weichenstellung vorgenommen. Es hat sich von einem ständestaatlichen Denken verabschiedet, gemäss dem lange Zeit allein die Geistlichkeit für die Kirche gesprochen hatte. Kirche sind nun aber alle Getauften. Und so haben auch die Laien, getauft und gefirmt, Anteil an der kirchlichen Sendung, gerade für Staat und Gesellschaft: „Aufgabe ihres dazu von vornherein richtig geschulten Gewissens ist es, das Gebot Gottes im Leben der profanen Gesellschaft zur Geltung zu bringen“. Das ist genau die von Franziskus von den Schweizer Bischöfen kürzlich zu Recht geforderte Zuwendung zum „Realismus der sozialen Dimension des Evangeliums“. Diese Zuwendung ist gerade auch Sache der Laien. Deshalb betonte Franziskus gegenüber unseren Bischöfen, „das Zeugnis der Christen und der Pfarrgemeinden“ solle den Weg der heutigen Menschen erleuchten. Franziskus erinnert hier an die vom Konzil betonte Mündigkeit der Laien. Sie besteht darin, das Evangelium, die Glaubenslehre und die Gebote Gottes zu verinnerlichen, dann aber auf dieser Basis im eigenen Namen als Christen mit den anderen Akteuren in der Zivilgesellschaft gesellschaftlich und politisch zu handeln. Die Aufgabe der Hierarchie ist es − mit den erwähnten Ausnahmen − demgegenüber, die Verkündigung des Evangeliums, die Spendung der Sakramente und die Leitung der Kirche sicherzustellen: „Von den Priestern dürfen die Laien Licht und geistliche Kraft erwarten. Sie mögen aber nicht meinen, ihre Seelsorger seien immer in dem Grade kompetent, daß sie in jeder, zuweilen auch schweren Frage, die gerade auftaucht, eine konkrete Lösung schon fertig haben könnten oder die Sendung dazu hätten. Die Laien selbst sollen vielmehr im Licht christlicher Weisheit und unter Berücksichtigung der Lehre des kirchlichen Lehramtes darin ihre eigene Aufgabe wahrnehmen“, sagt das Konzil in „Gaudium et Spes“ 43.

Das bedeutet nicht nur eine hohe Wertschätzung der Laien. Das II. Vatikanum hat damit zugleich den Weg gewiesen, wie die Kirche in der seit der Aufklärung das Individuum in den Mittelpunkt stellenden Gesellschaft wirksam sein soll. Eine in dieser Weise nicht mehr klerikalistische, also kirchenamtlich politisierende Kirche kann deshalb mit einer pluralistischen Gesellschaft in Frieden leben und ihr sogar Impulse geben: „Indem sie nämlich die Wahrheit des Evangeliums verkündet und alle Bereiche menschlichen Handelns durch ihre Lehre und das Zeugnis der Christen erhellt, achtet und fördert sie auch die politische Freiheit der Bürger und ihre Verantwortlichkeit“ (Gaudium et Spes 76). Dieses erneuerte Verständnis kirchlicher Sendung bewahrt die Hierarchie vor Klerikalismus, öffnet den Laien ein riesiges Arbeitsfeld und dient dem Gedeihen der Gesellschaft.

Was wir in der Schweiz somit vermehrt lernen müssen, ist, dass kirchliches Handeln mehr ist als kirchenamtliches (und parakirchenamtliches) Handeln. Es geht dabei nicht um die Frage, ob die Kirche einen Auftrag für die Welt und in der Welt hat. Sie hat ihn. Aber es geht darum, wie und durch wen sie ihn wahrnimmt. Das Konzil hat hier die Rolle der Laien massiv aufgewertet. Sie sollen ihren durch Taufe und Firmung geschenkten Auftrag im eigenen Namen wahrnehmen, und nicht klerikalisiert, indem sie sich ein kirchliches oder parakirchliches Mäntelchen umhängen. Darauf hat Kardinal Bergoglio im Jahr 2011 hingewiesen − und auch da bin ich ganz bei ihm: „Wir dürfen weder die Laien klerikalisieren, noch dürfen sie darum bitten. Der Laie ist Laie und soll als Laie leben – mit der Kraft der Taufe, die ihn dazu ermächtigt, Sauerteig der Liebe Gottes in der Gesellschaft zu sein, um Hoffnung zu wecken und zu säen, um den Glauben zu verkünden, nicht von der Kanzel, sondern von seinem alltäglichen Leben aus“.

So wünsche ich Herrn Schnüriger nun frohe und friedliche Weihnachten. Und für das kommende Jahr wünsche ich ihm ein vertieftes Verständnis der Kirche, das die Würde und Sendung der Laien sowie ihr Recht auf Freiheit vor Bevormundung im „irdischen bürgerlichen Bereich“ anerkennt.

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