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Bistum Chur

Familie in der Gegenwartskultur

Vortrag von Herrn Giuseppe Gracia (Medienbeauftragter des Bistums Chur) beim Anlass zur Gebetsinitiative vom Sonntag, 21. Juni 2015 in Chur

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich freue mich, dass ich heute zum Thema Familie sprechen darf. Dazu möchte ich Ihnen zwei Thesen präsentieren.

Erstens: Heute bilden Familie, Liebe und Sexualität keine Einheit mehr. Im Fernsehen, in Bestsellern oder im Kino haben die Leute in allen möglichen Kombinationen sexuelle Erlebnisse. Da kann Liebe im Spiel sein, muss aber nicht. Und Familie: das ist dort, wo Leute aus dem gleichen Kühlschrank essen. In dieser Kultur, die ein Teil von uns ist und uns prägt, brauchen wir neue Wege, um Liebe und Sexualität im christlichen Sinn überhaupt wieder als Option sichtbar machen zu können.

Die zweite These: Unsere heutige Kultur ist nicht nur das Ergebnis einer sexuellen Revolution, in Anlehnung an die 1968’er Bewegung. Es gibt auch den Versuch, den Menschen an sich neu zu definieren. Je besser wir das verstehen, desto besser werden wir damit umgehen können.

Angelehnt an diese Thesen werde ich zunächst das jüdisch-christliche Verständnis des Menschen skizzieren und nach Unterschieden zum Menschenbild von heute fragen. In diesem Kontext lassen sich aktuelle Auffassungen von Familie oder Sexualität besser einordnen und Schlussfolgerungen ziehen. 

1. Menschenbild der Postmoderne

Wie können wir das Menschenbild der Moderne umschreiben? Wie hilfreich ist ein Vergleich mit dem biblischen Menschenbild? Was verrät uns etwa der Genesis-Bericht? Was sagen die Kirchenväter? Die Überlieferung bietet einen enormen Reichtum, aus dem ich zwei Elemente herauspicke.

Erstens: nach der Bibel sind wir eine Art göttliche Komposition aus Himmel und Erde. Wir wurden erschaffen aus dem, was die Welt hergibt, – aus ihrem vergänglichen, biologisch abbaubaren Material -, und aus dem, was der Liebe Gottes entströmt. Wir sind eine Einheit aus Natur und Geist. Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: wir sind weder das Produkt einer unpersönlichen Evolution oder einer wie immer gedeuteten kosmischen Dynamik – noch stehen wir einfach über der Natur. Wir haben biologische und geschichtliche Beschränkungen. Zugleich sind wir offen für das Himmlische, für die Transzendenz. Unsere Freiheit kann sogar zu einem radikalen Nein gegenüber Gott kommen. Und doch existieren wir in Abhängigkeit von Gott, der Freiheit und Welt überhaupt erst ermöglicht. Das bedeutet: wir können uns selber bei aller Freiheit nicht neu erschaffen. Wir können niemals vom Geschöpf zum eigenen Schöpfer werden.

Das zweite Element, das ich herauspicken möchte, wurde bereits mit dem Wort der Liebe Gottes angedeutet. Liebe gibt es nur im Raum echter, freier Beziehungen. Eine reine Abhängigkeit wäre ebensowenig Liebe wie ein auf Eigennutz abzielendes Nebeneinander. Das bedeutet: christlich gesehen ist der Mensch nicht nur eine Einheit aus Geist und Natur, sondern er ist auch ausgerichtet auf Liebe. Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe. Wir sind dazu bestimmt, durch Beziehungen zu reifen. Zusammenfassend können wir sagen: als geistbegabter Mensch bin ich zugleich immer der, der sich vorfindet als Geschöpf, das heißt: als ein Wesen der unhintergehbaren Bedingtheiten. Auch kann ich nie ganz zu mir kommen ohne das Hinausgehen aus mir, ohne die Hingabe an die andere Person – sei diese nun der Mitmensch oder Gott.

Von hier aus wird vielleicht schon deutlich, dass ein solcher christlicher Entwurf des Menschen dem aktuellen Mainstream widerspricht. Heute hält man besonders dem Christentum entgegen, der Mensch sei gerade nicht mehr jenes Wesen der Bedingtheiten, das wir hier umschreiben. Die Epochen der Daseinsfrömmigkeit seien vorbei, denn der Mensch sei heute frei und emanzipiert. Freiheit und Selbstbestimmung sind Schlüsselbegriffe der Moderne. Und warum auch nicht? Ich finde es gut, mich als selbstbestimmt zu erleben und ertappe mich regelmässig dabei, alles selber machen zu wollen, möglichst ohne Begrenzungen durch die Gesellschaft oder durch die angebliche Natur, durch eine angeblich vorgegebene Wahrheit meines Körpers oder meines Geschlechts. Warum nicht bunter, freier durch die Welt gehen, losgelöst von alten Rollenvorstellungen?

Im Grunde lehnen wir heute überhaupt eine Menschennatur ab, die der eigenen Kultur vorausgeht und diese trägt. Wir wollen eine beherrschbare Welt, eine Freiheit, die über traditionelle Grenzen erhebt. Wir erklären alles zur reinen Konvention. Dann wirken Grenzen überwindbar: was nur kulturell bedingt ist, lässt sich ändern. Kurz: wir wollen nicht länger Geschöpf, sondern selber Schöpfer sein.

Zeigt sich nicht genau diese Tendenz, wenn wir zum Beispiel die aktuellen Gender-Theorien anschauen? Auf den ersten Blick geht es um die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Aber wenn man der US-amerikanischen Gender-Philosophin Judith Butler folgt, die sich an Simone de Beauvoir orientiert, dann zeigt sich: die gleiche Würde von Mann und Frau, – im Christentum göttlich begründet -, wird hier verstanden als Gleichheit. Um die gemeinsame Würde zu betonen, betrachtet man jeden Naturunterschied zwischen Mann und Frau zumindest als unwichtig. Zentral ist dabei die These, dass unsere Identität sozial konstruiert bzw. kulturell konditioniert sei und beliebig verändert werden kann.

Was wird hier letztlich gesagt? Ich würde es so formulieren: Mensch, du hast die Freiheit zum Selbstentwurf. Deine Kultur, deine Eltern, ihre verknöcherten Vorfahren haben dir deine Grenzen nur eingeredet. In Wahrheit wirst du weder als Frau noch als Mann geboren, sondern unsere Gesellschaft macht dich dazu. Entscheide in Zukunft selbst, was du sein willst.

Diese von objektiven Naturvorgaben losgelöste Idee des Menschen passt gut zum allgemeinen Relativismus. Es ist die gleiche Vision: der sich selbst entwerfende Mensch. Der Relativismus ist längst ein Teil von uns. Er hat eine Kultur hervorgebracht, die uns allen schmeichelt und hinter dem Ofen der falschen Demut hervorlockt. Denn wie schön ist es doch, auf die Herausforderungen des Tages immer antworten zu können mit dem autonomen Parlament in unserem Kopf, mit der Ungebundenheit unseres Gewissens? Ganz ohne lästige Überinstanz, die meine Urteile wieder über den Haufen wirft. Ich denke mir die Welt einfach derart relativ, dass jede Perspektive ihre Berechtigung hat und dass ich folglich frei wählen kann, was mir gefällt und was nicht. Gemäss Relativismus gibt es ja keine vollständig für uns zugängliche Wahrheit. Und das bedeutet: ich bin keiner Wahrheit verpflichtet, die meinen Verfügungsraum übersteigt.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch ein anderes modernes Phänomen einordnen. Ich meine die Tatsache, dass wir heute verschiedene Religionen und Daseinsphilosophien miteinander kombinieren, weltoffen und frei von „Dogmen“, wie es heisst. Dabei entsteht eine Art Supermarkt-Religion, bei der ich mich selber zum Kunden mache, das heißt zum König im eigenen spirituellen Laden. Auch hier geht es letztlich darum, unverfügbare Vorgaben zu überwinden und selber alles zu entscheiden. Das Unverfügbare der Offenbarungsreligion wird als repressiv empfunden, denn der eigene Wille hatte bei ihrer Formung ja kein Mitspracherecht. So bevorzugt der freiheitsliebende Zeitgenosse seinen Supermarkt, in dem als oberste Instanz das Ich frei umherstreift, um sich aus dem einen oder anderen Regal zu bedienen – je nach dem persönlichen, geistlichen Portemonnaie. Und wozu führt dieses Verhalten? Am Ende hängt alles, mein ganzes Heil, von mir selber ab. Und auch das hat ja etwas für sich. Wenn im Alltag Beziehungsprobleme, Abhängigkeiten und Widerwärtigkeiten auftauchen, möchte ich mich natürlich davon lösen und mich quasi selber erlösen. Mehr noch: ich möchte überhaupt nicht mehr erlösungsbedürftig sein. Das Problem ist nur, dass mich Religion dann nicht mehr frei macht, weil ich mich nicht mehr aus mir selber herausrufen lasse. Während doch Religion genau das wäre: Überschreiten des eigenen Ich, Befreiung in die Transzendenz.

Fassen wir zusammen. Gender Theorie, Relativismus und religiöser Supermarkt: das sind typische Zeiterscheinungen, die unseren Alltag prägen und gegen die keiner von uns ganz immun sein kann. Es geht ja darum, sich selber entwerfen zu können. Wir wollen jenen Teil von uns abstreifen, der sich uns nicht fügt und uns zum Geschöpf macht. Wir lehnen sowohl eine vorgegebene Natur wie auch eine objektive, nicht verfügbare Wahrheit ab, die unser Leben bestimmen soll. Am Anfang sagten wir von der Bibel her, der Mensch sei eine Einheit aus Natur und Geist, aus Freiheit und weltlicher Begrenzung. Nun können wir sagen: unsere drei Zeiterscheinungen lehnen diese Einheit ab und wollen eine neue, subjektive Freiheit – einen reinen, sich selbst entwerfenden Geist. Kurz: es geht um den Himmel des eigenen Machenkönnens, aber nicht mehr die Erde einer gemeinsamen Bedingtheit.

Es gibt noch eine andere zeitgenössische Idee des Menschen, die dem bisher Gesagten auf den ersten Blick widerspricht. Ich meine eine naturalistisch begründete Idee, die den freien Geist oder ein freies Ich, das über allem steht, leugnet. In dieser Idee wird der Mensch reduziert auf seine Welthaftigkeit, auf das Materielle, Raumzeitliche. Man kann das traditionellerweise Naturalismus nennen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zu einer Weltanschauung, die den ganzen Menschen erklären will. Mit diesem Anspruch treten dann bekannte Leute auf, wie zum Beispiel der britische Biologe Richard Dawkins, Neuro-Philosophen wie Gerhard Roth und Wolf Singer. Oder auch Unbewusstseinsforscher in der Tradition eines CG Jung, die uns über die Welt und die wahre Natur unseres Ich belehren. Eine dieser Belehrungen könnte man, – in Anlehnung an Sigmund Freud -, so formulieren: Mensch, du bist nicht Herr im eigenen Haus. Dein Ich ist eine Illusion, alles nur Biochemie, interne Spiegelung, kosmische Bewegung. Es gibt keine Freiheit zum Selbstentwurf. Deine Kultur, deine Eltern, ihre verknöcherten Vorfahren haben dir nur eingeredet, dass du mehr bist als ein intelligentes Tier. Doch in Wahrheit ist da nicht mehr.

So gesehen ist der Naturalismus ein Widerspruch zu den drei Zeitgeist-Ideen, die wir zuerst angeschaut haben und die ja nicht die Natur absolut setzen, sondern das eigene Ich. Dennoch gibt es jenseits dieser Gegensätze eine tiefer liegende Gemeinsamkeit zwischen diesen Ideen. Das zeigt sich aber erst, wenn wir uns erinnern an etwas, was wir zu Beginn gesagt hatten. Wir hatten gesagt, dass der Mensch abhängig sei von der Liebe, dass er ohne Beziehungen nicht reifen könne.

Hier lässt sich jetzt zusammenfassend feststellen: egal ob Gender Theorie, Relativismus, religiöser Supermarkt oder Naturalismus – in allen diesen Konzepten wird der Mensch als Beziehungswesen nicht ernst genommen. Genauer: er wird nicht ernst genommen als Mensch, der sich in Liebe hingeben soll, um sein Ich und seine Biologie zu überschreiten. Im Naturalismus ist der Mensch gar nicht frei, um sich in Liebe hinzugeben, denn er ist nur Teil eines größeren, nach bestimmten Gesetzen ablaufenden Naturprozesses, in dem keine geistig-personale Freiheit des Einzelnen existiert. Auf der anderen Seite, bei der Gender Theorie und den Ideen der Selbstverabsolutierung, wird der Mensch als Beziehungswesen ebenfalls nicht ernst genommen. Dort postuliert man gewissermaßen eine übernatürliche Freiheit, ein Ich, das Abhängigkeiten gerade überwinden muss, um sich zu verwirklichen. So ein Wesen braucht aber gar keine Hingabe an ein Du, um reifen zu können. So ein Wesen, mit dem eigenen Ich als oberste Instanz, kann alles selber machen. Und das widerspricht jeder personalen Bindung.

Am Ende läuft alles auf einen Punkt hinaus: bei den genannten Ideen der Moderne verweigert sich der Mensch der Zumutung echter Liebe. Tatsächlich ist die Liebe ja eine Zumutung, weil sie uns an das Du und an die Welt bindet. Wenn ich liebe, bin ich emotional und seelisch abhängig vom Wohl und Wehe des geliebten Menschen, der geliebten Kinder, Eltern, Freunde usw. Die Liebe kennt keine Garantie. Ich muss sie riskieren, sonst findet sie nicht statt. Die Liebe ist auch nicht ein romantisches Gefühl, sondern verbindet mich in der Tiefe und löst ganz verschiedene Gefühle aus, oft sogar dunkle, schmerzhafte. So scheint die Hingabe an den Mitmenschen, an den Schöpfer, an das Leben, über das ich nicht verfüge, manchmal unerträglich. Dann verweigern wir uns. Dann meinen wir, es sei besser, wenn wir uns in den Himmel der Selbstliebe zurückziehen. Und dann landen wir dort, wo wir nicht mehr lieben, das heisst: wo wir uns nicht mehr ausliefern als ein Wesen personaler Bindung. Wo wir uns nicht mehr, – nach christlichem Vorbild -, selber zu verlieren wagen, um uns zu gewinnen.

2. Familie, Sexualität

Wenn wir uns vor diesem Hintergrund fragen, wie heute Familie oder Liebe dargestellt werden, dann zeigen sich Parallelen. Wir sagten, der heutige Mensch wolle sich im Wesentlichen selber entwerfen und verwirklichen.

Wenn das so ist, darf auch die Familie nicht mehr als Ort erscheinen, der mich abhängig macht, der mich einfügt in ein Geflecht aus Beziehungen. Beziehungen, die ich nicht selber machen kann, in denen ich nur Teil eines grösseren Ganzen bin. Heute sieht man Beziehungen eher umgekehrt, nämlich als Teil des eigenen Ich, der eigenen Selbstverwirklichung. Familie als vorläufiger Verbund von Individuen, die je ihre eigene Erfüllung suchen.

Dazu passt die Rede von der „Vielfalt der Lebensformen“, wie sie in den Gender-Theorien vorkommt, verbunden mit der Kritik an sogenannten traditionellen Familienmodellen. Diese gelten spätestens seit der 1968’er Bewegung als Gesellschaftsmuster, die uns fremdbestimmen. Davon sollen wir uns befreien, indem wir uns selber folgen. Das Leben als individueller Fluss der Veränderung, ohne dauerhafte Entscheidung, die mich bindet.

In diesem Kontext lässt sich unsere Gegenwartskultur besser verstehen, gerade auch in Bezug auf Sexualität. Wenn Familie und Beziehungen keine letzte, über mich hinausgehende Verbindlichkeit und Tragweite haben, wenn sie nur ein Teil meines Lebensweges sind, dann muss ich Liebe und Lust auch nicht als Einheit sehen, sondern kann sie verschiedenartig ausleben. Genau wie Familie ist Sexualität nicht mehr etwas Grösseres als mein Ich, sondern ein Teil davon. Sexualität findet in mir statt. Weil meine Partner grundsätzlich austauschbar sind, – wie zum Beispiel auch beim Sport -, ist es nicht wesentlich, mit wem ich wie lange zusammen bin, denn die Quelle und letzte Bestimmung der Sexualität bin ich selber. In der Folge ist es wichtig, dass ich mich schütze. Eine sexuelle Massenkultur, die nicht auf gegenseitige Treue angelegt ist, muss mechanische und chemische Schutzwände zwischen den Partnern errichten, um die Volksgesundheit nicht zu gefährden.

Aber wie sieht, im Vergleich dazu, das jüdisch-christliche Erbe aus? Gemäss Christentum liegt die Quelle und letzte Bestimmung der Sexualität nicht in mir, sondern im grösseren Ganzen einer intimen Bindung. Sexualität als Feier des Leibes, die Offenheit schafft für neues Leben. Der Leib als Resonanzkörper der Hingabe. Das ist eine Sexualität, deren Partner nicht austauschbar sind. Eine Sexualität, die mich übersteigt, ja die überhaupt erst entsteht, wenn ich mich loslasse, wenn Mann und Frau „ein Fleisch“ werden, wie es in der Bibel heisst. Eine solche Hingabe braucht den vertrauensvollen Raum der Treue, oder sie findet gar nicht erst statt.

Zugespitzt könnte man sagen: was unsere Gegenwartskultur unter Sex versteht, ist gar keine personale Sexualität, sondern nur Triebbefriedigung mit wechselnden Partnern.

Mario Vargas Llosa, der bekannte Literaturnobelpreisträger, schreibt dazu in seinem neuen Buch „Alles Boulevard“, einer Aufsatz-Sammlung über die Verflachung unserer Kultur (ich zitiere): „Wer den Sex aus den Schlafzimmern holt, um ihn öffentlich auszustellen, befreit ihn paradoxerweise nicht, sondern schickt ihn zurück in die Steinzeit, als die Paare, wie Affen oder Hunde, noch nicht gelernt hatten, miteinander zu schlafen, sondern nur zu kopulieren.“ (Zitat Ende)

Ich bin nicht mit allem einverstanden, was Vargas Llosa in seinem Buch sagt, aber es scheint mir augenfällig, wie banal der Sex heute erscheint, wenn er in den Vitrinen der Unterhaltung oder der Werbung auftaucht, selbst auf Plakaten für Gesundheitsprävention. Und wie selten personale, verbindliche Sexualität in aktuellen Bestsellern oder Fernsehserien überhaupt noch vorkommt. Augenfällig ist auch, wie negativ die klassische Ehe dargestellt wird.

In preisgekrönten Filmen wie „The Hours“, „American Beauty“ oder „Gone Girl“ sieht man ausschliesslich Abgründe der monogamen Ehe. In „The Hours“ besteht das einzige glückliche Paar aus zwei älteren lesbischen Frauen. In „American Beauty“ sind alle Beziehungen gestört, vor allem die eines homophoben Ex-Militärs, dessen verdrängte Homosexualität am Ende zu einem Mord führt. Und in „Gone Girl“, dem neusten der drei Filme, ist die Ehe von Anfang an eine inszenierte Lüge, die aus egoistischen Motiven aufrecht erhalten wird. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte meinen, Hollywood-Drehbücher werden von Leuten geschrieben, die homosexuelle Verbindungen schätzen und der heterosexuellen Monogamie den Kampf angesagt haben. Auch erfolgreiche Fernsehserien wie „30 Rocks“, „How I meet your Mother“ oder „Modern Family“ feiern einen luftigen Hedonismus. In „Modern Family“ geht es besonders modern zu. Eine unersetzliche Verbindung Mama-Papa-Kinder gibt es gar nicht mehr, auch wenn das in der Realität immer noch am meisten vorkommt. Die „Modern Family“ besteht nur noch aus provisorischen Patchwork-Konstellationen und einem schwulen Paar, das sich rührend um das adoptierte Kind kümmert. Im Grunde ist es die moderne Variante der alten Hippie-Kommune, durchgespielt in der Welt des gehobenen Mittelstands von heute, mit Wohnhäusern in der gender-sensiblen Vorstadt.

Und noch eine Beobachtung, die ich in den Medien seit Jahren mache: große Zeitungen oder Sender produzieren am liebsten Inhalte, die sich für den Konsumenten in bereits bekannte Interpretationsmuster einfügen, so dass der Konsum nicht zu anstrengend wird. Angesichts einer globalen, digitalisierten Konkurrenz werden es sich die wenigsten Medien leisten, ihren Kunden zu hohe geistige Hürden zuzumuten. Das aber bedeutet, dass Medien den herrschenden Mainstream grundsätzlich eher verstärken als in Frage stellen.

Wenn zum Beispiel in Talkshows oder Reportagen heute noch Karrierefrauen auftreten, die sich befreit haben vom Zwang der Mutter- und Hausfrauenrolle, oder Homosexuelle, die mehr Toleranz fordern – dann ist das längst Mainstream. Dann wird nichts gezeigt, was das breite Publikum vor den Kopf stößt. Welches Unternehmen, welcher liberale Staat unterdrückt denn heute Frauen, die lieber arbeiten als zu Hause bleiben? Im Gegenteil will man alle Frauen im Büro haben und die Kinder in der Krippe. Und schwule Mitarbeiter? Auch sie können dem Unternehmen wunderbar dienen, wer würde das verhindern wollen? Nur in populären Medienformaten tut man noch so, als gäbe es hier massenweise Konflikte.

Natürlich gibt es weiterhin Konflikte und problematische Gesellschaftstrends, aber die werden medial nicht in der nötigen Breite aufgegriffen und kommen nicht im Bewusstsein der Masse an. Ich meine Trends, die sich mit der Macht des Selbstverständlichen ausbreiten und etablieren, zum Beispiel die Banalisierung der menschlichen Sexualität, wie wir sie heute erleben. Ganz im Sinn der Analyse von Mario Vargas Llosa. In welcher erfolgreichen Sendung oder populären Serie wäre dazu eine ernsthafte Vertiefung denkbar? Eine kritische, massenmedial wirksame Gegenstimme zu den trivialen Schlagworten der sexuellen Freiheit und Vielfalt?

Und was die Situation der Frauen von heute betrifft: während die meisten Medien nach wie vor eine Befreiung von traditionellen Rollenbildern thematisieren, die in Wahrheit kaum noch jemanden einschränken, da sind junge Mütter, die auch im 21. Jahrhundert immer noch gern Hausfrau sind, von echter Diskriminierung betroffen. Der Krippenplatz-Feminismus behandelt sie wie Rückständige und verklärt die Arbeitswelt zum eigentlichen Ort der Emanzipation. Ich kenne keinen großen Sender oder Verlag, der es wagen würde, diesen Ausverkauf der Frauenbewegung breit angelegt zu hinterfragen.

Man könnte überhaupt sagen, dass Familienpolitik heute wesentlich Wirtschaftspolitik geworden ist, und dass die Medien hier kein Gegensteuer mehr geben, weil sie selber dem Primat der Ökonomie unterliegen. Emanzipation heisst heute: Frauen sollen ihre Abhängigkeit vom Mann überwinden, – sogenannte „Wettbewerbsnachteile“ aufgrund der Mutterschaft -, indem sie genau so regelmässig einer Erwerbsarbeit nachgehen wie die Männer. Deswegen brauchen wir Krippenplätze, Quotenregelungen und für den Notfall eine professionelle Abtreibung.

Dass diese Politik nicht primär nach dem Glück der Kinder oder nach dem inneren Wohl der Familie fragt, darauf möchte ich gar nicht eingehen. Das wäre ein Vortrag für sich. Mir geht es um einen anderen Aspekt. Wenn Mama und Papa ins Büro rennen, wenn die Kinder extern betreut werden, bis auch sie eines Tages ins Büro rennen, dann ist das genau die Idee von Familie, die wir bereits skizziert haben. Familie als Verbund von Individuen, die je ihre eigene Verwirklichung suchen.

Es stellt sich allerdings die Frage, wer eigentlich noch Politik macht für die Familie, nach der die Menschen sich vielleicht weiterhin sehnen? Familie als ein vom Staat und von den Gesetzen der Wirtschaft möglichst unabhängiger Ort. Ein Ort, der wärmer ist als die Leistungsgesellschaft. Eine Familie, die es nicht erlaubt, dass sich politische Kräfte ins Kinderzimmer oder ins Ehebett einmischen. Eine Familie, in der ich sein kann, wie ich bin, geliebt um meiner selbst Willen.

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant daran zu erinnern, dass fast alle totalitäre Bewegungen der Vergangenheit sich gegen die Familie aus Mama, Papa und Kindern als unverfügbare Einheit gewandt haben. Denken wir an Nationalsozialismus, Kommunismus oder Sozialismus. So unterschiedlich diese waren: sie haben alle versucht, die Verbindung von Mama, Papa und Kindern aufzubrechen, um in diesen Schutzraum hineinzukommen, mit einem politischen Programm. Theodor Adorno, der bekannte Philosoph, hat schon im letzten Jahrhundert gesagt: „Die Ehe ist die letzte Form der Subversion im Zeitalter des Warentausches.“ Inzwischen löst sich diese Subversion längst in Luft auf. Ehe und Familie sind Gegenstand verschiedener politischer Programme der Optimierung und Ökonomisierung. Sie werden nicht mehr liberal verstanden, das heisst: nicht mehr als eine von der Wirtschaft oder vom Staat möglichst in Ruhe zu lassende, freie Wirklichkeit.

Gewiss, heute ist das Volk der Staat, wie wir in der Schweiz gern betonen. Das klingt schön und hat eine beruhigende Wirkung. Aber auch totalitäre Bewegungen sprechen im Namen des Volkes. Man muss immer näher hinschauen.

Heute muss ich zum Beispiel fragen: Wie weit entfernt von einem wettkampforientierten Dasein ist der Krippenplatz-Feminismus? Was stellt der zunehmende Optimierungsdruck mit unseren Herzen an? Was bringt der Abbau des Schutzes für Familien, wenn der Erwerbszwang für beide Elternteile immer grösser wird? Mit welchem moralischen Anspruch tritt der Staat beim sogenannten Gender Mainstreaming auf, sei es punkto politisch korrekter Sprache, Sexualkundeunterricht oder PID? Wie weit entfernt ist unser Optimierungs-Kult von einer eigentlichen Entmenschlichung? Wo gibt es noch einen Schutzraum, in dem der Mensch schwach und sogar behindert sein darf, um seiner selbst Willen geliebt von der natürlichen Empfängnis bis zum Tod?

3.  Schlussfolgerungen

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: was können wir angesichts der vielen Herausforderungen tun? Welche Erwartungen sind realistisch?

Zuerst: wir dürfen uns nicht länger allein auf moralische Fragen verkürzen lassen. Natürlich gibt es Fälle, in denen wir uns vor allem selber hinterfragen müssen, etwa wenn es um Missbrauch in der Kirche oder um Doppelmoral geht. Aber ich meine hier etwas anderes: Der Philosoph Nietzsche hat einmal gesagt, man müsse nicht die Wahrheiten des Christentums angreifen, sondern dessen Moral. Genau das passiert heute, sowohl in den Massenmedien wie in der Politik: man kritisiert die scheinbare Lebensferne und Menschenfeindlichkeit der christlichen Moral, besonders der Sexualmoral.

Wie können wir zeigen, dass es um viel mehr geht, um eine Wahrheit über den Menschen – und nicht um ein paar Gebote fürs Schlafzimmer? Ich glaube, wir müssen zuerst einmal versuchen, das christliche Menschenbild wieder bekannter zu machen, in einer säkular verständlichen Sprache.

Mir scheint das ein wichtiger Punkt zu sein: im medialen wie politischen Diskurs reduziert man uns oft auf Moralfragen, und dann versuchen wir, in einem vom Relativismus festgelegten Rahmen zu bestehen. Wir präsentieren uns auf einem freien Markt der Werte. Am Schluss gewinnt der, dem die Mehrheit zustimmt. Moralisch richtig ist, was viele wünschen. Die Wahrheitsfrage, die Frage nach der Natur des Menschen wird vom Markt verdrängt.

Doch ob der Mensch wirklich so ist, wie Relativismus und Naturalismus ihn meist stillschweigend voraussetzen, ist entscheidender als die bereits verkürzte Frage nach einer bestimmten Moral. Ich würde sogar sagen: je weniger wir es schaffen, weltanschauliche oder anthropologische Voraussetzungen sichtbar zu machen, die hinter jeder Moral stehen, desto weniger merken die Leute überhaupt noch, welchen Ideen des Mainstreams sie da eigentlich folgen.

Am Ende geht es allerdings nicht nur um Argumente. Ich bin davon überzeugt, dass das Zeugnis im realen Leben alles andere überwiegt. Was wir als Eltern, Freunde, Bürger, einfache Mitarbeitende oder Verantwortungsträger tun, das zählt doppelt und dreifach.

Heute denken wir ja zum Beispiel an den Heiligen Thomas Morus. Im zweifellos sehr schweren Beruf des Politikers hat er es geschafft, heilig zu werden. Schwerer wäre es vielleicht heute nur noch, das Gleiche als Journalist zu erreichen.

Jedenfalls überzeugt uns dieser heilige Mensch nicht deshalb, weil er besonders gute Argumente vorgebracht oder Bücher geschrieben hat. Solche Dinge erzeugen keine Strahlkraft über die Jahrhunderte, sondern es ist das Zeugnis im Leben selbst, es sind die persönlichen Taten mitsamt dem Mut, notfalls sein Leben zu geben.

Gewiss, als intellektuell interessierter Mensch finde ich den öffentlichen Diskurs wichtig. Ich mag die Arbeit mit Medien und scheue keine Kamera, wenn sich die Gelegenheit bietet, ein grösseres Publikum zu erreichen. Trotzdem weiss ich, dass der Glaube keine Frage von Argumenten ist, von den Pro und Contras der Debatte, sondern dass er, – ähnlich wie bei der Liebe -, im Stillen wächst und von dort her Frucht bringt. Und hier käme das Christliche vielleicht wieder glaubwürdig ins Spiel: indem wir einfach mit dem Leben zeigen, woran wir glauben. Indem wir es jeden Tag neu vorleben und für andere spürbar machen, dass so ein Leben in die Tiefe führen kann und zu tun hat mit Gott, der die Liebe ist.

Damit komme ich zum Schluss. Ich möchte Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit danken und bringe ein Zitat von Gilbert Chesterton. Ein Zitat, das ich Bischofsvikar Christoph Casetti verdanke. Ich zitiere:

„Alle Menschen sind verheiratet. Die einen mit einem Mann oder einer Frau, die anderen mit Gott, wieder andere mit sich selbst. Nur die ersten beiden Möglichkeiten sind gut.“

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