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„Gottes Barmherzigkeit ist immer ein Aufruf zur Bekehrung“ (Interview mit Bischof Vitus Huonder in „Die Tagespost“ vom 15.1.2014)

Die kirchliche Lehre und der Lebensstil der Katholiken driften auseinander: Ein Gespräch mit Bischof Vitus Huonder von Chur. Von Regina Einig

Das Schweizer Bistum Chur hatte in seiner kürzlich veröffentlichten Auswertung der Ergebnisse der Vatikanumfrage zu Ehe und Familie festgestellt, dass die Ablehnung von “Humanae vitae” durch massgebende Moraltheologen zur Folge hatte und hat, dass auch der Klerus grosse Vorbehalte hat gegenüber der Lehre der Kirche. Weiter heisst es in der Stellungnahme: “Das Gedankengut der Gender-Ideologie hat vor allem durch die Massenmedien und die pädagogischen Institutionen Verbreitung gefunden. Auch kirchliche Einrichtungen zeigen eine gewisse Anfälligkeit dafür. Die Destabilisierung der Familie, die an sich zu bedauern ist, wird nicht selten schöngeredet durch die Rechtfertigung einer Pluralität der Familienformen.” Im “Tagespost”-Interview äussert sich der Churer Bischof Vitus Huonder zur Auswertung der Umfrage.

Exzellenz, in nahezu allen bisher bekannt gewordenen Auswertungen des Fragebogens in deutschsprachigen Bistümern, auch im Bistum Chur, zeigen sich starke Abweichungen zwischen katholischer Lehre und dem Lebensstil vieler Katholiken. Hat Sie das überrascht?

Nein. Es ist eine Erfahrung aus der Seelsorge der letzten Jahre, dass die Kenntnis des Glaubens schwindet. Wichtige Inhalte der Lehre sind nicht mehr bekannt, so dass viele Gläubigen nicht mehr erkennen, wie menschengemäss und gemeinschaftsdienlich der Glaube ist. Zum anderen wird in der heutigen Zeit eine Selbstverwirklichung propagiert, die dem Glaubenssinn oft entgegensteht.

Was bestärkt Sie in der Hoffnung, dass die Menschen auch in einem so persönlichen Bereich wie dem Ehe- und Familienleben die unverkürzte Lehre der Kirche akzeptieren, wenn man sie ihnen nur liebevoll nahebringt?

Wenn die Menschen erkennen, was die Kirche wirklich lehrt und sich nicht nur von Schlagworten beeinflussen lassen, ist es oft so, dass sie mehr über den Glauben wissen wollen. Sie spüren, dass in der Lehre der Kirche die Liebe Gottes durchscheint, die dem Menschen hilft, seine Würde zu leben. Sie erkennen, dass der unverkürzte Anspruch des Glaubens nötig ist, um in dieser Würde zu wachsen. Der Glaube ist ja kein niederschwelliges Kundenangebot. Er ist ein Aufruf zur Bekehrung: “Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium” (Mk 1,15), sagt uns Jesus.

Der Mangel an Glaubenswissen zeigt sich heute auch bei praktizierenden Katholiken. In der Praxis werden Barmherzigkeit und Wahrheit oft gegeneinander ausgespielt. Wie erklären Sie sich die Defizite in der Verkündigung?

Es besteht bei manchen Verkündern die Angst, bei den Menschen anzuecken, die Angst vor allem, von einer Volkskirche zu einer Entscheidungskirche mit weniger gesellschaftlichem Rückhalt zu werden. Diese Angst blockiert. Andererseits hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das Denken vieler Theologen so stark verändert, dass das sentire cum Ecclesia (die Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre) sehr gelitten hat. Zudem hat ein allgemeiner Heilsoptimismus der Kirche geschadet. Dass Gottes Barmherzigkeit immer ein Aufruf zur Bekehrung ist, wird ausgeblendet. Echte Liebe vertraut auf die Wahrheit der Offenbarung. Sie weiss, dass pastoral nur richtig sein kann, was den Weisungen Gottes entspricht.

Warum hält die Kirche in der Morallehre an Punkten fest, die nicht unmittelbar durch das Gebot Jesu gedeckt sind, etwa in der Frage der Familienplanung?

Die Morallehre der Kirche ist gedeckt durch das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Es ist die Aufgabe der Kirche, dieses allgemeine Gebot auf bestimmte Fragestellungen hin authentisch auszulegen. Was die Familienplanung betrifft, ist die Haltung der Kirche lebens- und schöpfungsfreundlich. Sie bejaht die natürliche Empfängnisregelung. Sie lehrt die vor Gott verantwortete Elternschaft für den Umgang mit der Fruchtbarkeit. Das entspricht zutiefst der Würde des Menschen.

Wie kann die Kirche ansetzen, um den Kurs zu korrigieren?

“Evangelii gaudium” von Papst Franziskus ist im Grunde ein einziger Aufruf, mutiger missionarisch zu sein. Das bedeutet, dass wir in jeder Hinsicht die gesunde Lehre der Kirche verkünden und zu den Menschen tragen müssen. Vor allem dürfen wir nicht opportunistisch denken, sondern von der göttlichen Liebe her, die in der Wahrheit gründet.

Warum ist die Ehevorbereitung aus Ihrer Sicht eine wichtige Stellschraube? Sind die Menschen in dieser Lebensphase besonders offen?

Weil das Glaubenswissen geringer geworden ist, muss die Ehevorbereitung intensiver werden. Die Ehe ist ein Sakrament, das Sakrament der Liebe zwischen Mann und Frau, das Sakrament der Weitergabe des Lebens. Um ein Sakrament gewinnbringend zu empfangen, braucht es die entsprechend gute Kenntnis. Da der Glaube, wie es Paulus sagt, aus dem Hören kommt (vgl. Röm 10,14), müssen wir uns auch diesbezüglich hörbar machen, oder hörbarer.

Kritiker des Bistums Chur wie die Pfarrer-Initiative stossen sich an Ihrem Vorschlag, Paare intensiver auf die Ehe vorzubereiten. Halten Sie den Vorwurf, dadurch würden weniger Menschen eine sakramentale Ehe schliessen, für begründet?

Hier wäre zunächst einmal zu sagen, dass unser Wunsch nicht isoliert in der Landschaft steht. Für die italienischen Bischöfe zum Beispiel ist der Nachweis eines Ehevorbereitungskurses obligatorisch. Und die österreichischen Bischöfe haben verbindliche Standards für die Ehevorbereitung verabschiedet. Das Ziel einer guten Seelsorge ist, dass möglichst viele Menschen gut vorbereitet kirchlich heiraten. Mag sein, dass es auf diese Weise zu weniger Eheschliessungen kommt, weil einige nicht der Lehre der Kirche folgen wollen. In solchen Fällen sind wir verpflichtet, den Menschen zu sagen, dass eine kirchliche Trauung nicht der Ehrlichkeit entsprechen würde.

Riskiert die Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft, dass die Sakramente zunehmend dem Anspruchs- und Verfügbarkeitsdenken unterworfen werden?

Wir erleben heute in vielen Lebensbereichen, dass der Mensch sich alles verfügbar machen will. Alles soll ein Recht werden, auch in der Kirche: Recht auf Taufe, Recht auf Kommunionempfang, Recht auf Heirat, Recht auf Priesterweihe, Recht auf Bischofswahl, Recht auf Mitbestimmung zur Neudefinition des christlichen Glaubens, Recht auf Abtreibung. Die Liste lässt sich fortsetzen. Der Glaube aber gründet in der freien Gnadengabe Gottes. Wir müssen diese Spannung aushalten. Wir können es im Wissen darum, dass die Wahrheit “sanft und zugleich stark den Geist durchdringt”, wie das Zweite Vatikanische Konzil gesagt hat (Dignitatis humanae 1).

Zum Artikel in „Die Tagespost“ vom 15. Januar 2014

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