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Predigt von Bischof Peter Bürcher anlässlich der Eröffnung des Domschatzmuseums, vorgelesen am 30. August 2020 in der Kathedrale von Chur von Dr. Martin Grichting, Delegierter des Apostolischen Administrators

In diesen Tagen eröffnen wir das neu erstellte Domschatzmuseum. Gesten und heute sind «Tage der offenen Tür», damit die Gläubigen von nah und fern, aber auch die einfach kulturell Interessierten dieses Museum kennenlernen können.

          Unser Domschatzmuseum enthält Kunstwerke aus vielen Jahrhunderten der Geschichte des Bistums Chur. Auch ein Elfenbeinkästchen, das etwa aus dem Jahr 400 stammt, ist dabei. Das ist die Zeit, in der unser Bistum Chur wohl entstanden ist. Schriftlich erwähnt ist der erste Bischof von Chur im Jahr 451. Das bedeutet, dass es schon früher hier Christen gegeben haben muss. Das ist auch nicht verwunderlich. Denn Chur war der Hauptort der römischen Provinz «Raetia prima». Und so war Chur verbunden mit Rom, mit dem politischen Rom, aber auch mit dem christlichen Rom. Soldaten und Händler, Männer und Frauen, sind über die Alpen hierhergekommen und haben den christlichen Glauben zu uns gebracht.
Das lässt uns zurückdenken an die Zeit der ersten Christen. Es ist heute noch ergreifend zu sehen, wie, ausgehend von ein paar galiläischen Fischern und Handwerkern, in drei Jahrhunderten das Römische Weltreich zu Christus geführt wurde. Wenn man die sehr begrenzten menschlichen Möglichkeiten bedenkt und die Schwierigkeiten, die dem Christentum damals begegnet sind, würde man nicht glauben, was dann eben doch geschehen ist.
          Aber wie konnte es geschehen? Es hat viel mit einem Wort zu tun, das wir heute in der zweiten Lesung aus dem Römerbrief gehört haben. Der Apostel Paulus hat damals den Christen geschrieben: «Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist» (Röm 12, 2). Die Christen in den ersten Jahrhunderten haben nicht die oft verdorbene Lebenswirklichkeit von damals als massgebend angesehen, um sich daran anzupassen. Sie haben sich nicht dieser Welt angepasst, sondern sie haben umgekehrt, stehend auf dem Boden des Evangeliums, diese Welt und ihre Massstäbe auf den Prüfstand des christlichen Glaubens gestellt. Denn sie haben von Jesus Christus die Lektion gelernt, die auch Petrus im heutigen Evangelium lernen musste: Es geht für einen Christen, für eine Christin, darum, das zu wollen, was Gott will, nicht das, was die Menschen wollen (Mt 16, 23).
          Dabei haben die Christen keineswegs die heidnische Welt, in der sie gelebt haben, verachtet. Sie haben ihre Umwelt sehr wohl gekannt und sie haben solidarisch mit ihren heidnischen Mitbürgern zusammengelebt. Sie waren, wie es Johannes in seinem Evangelium sagt, «in der Welt». Aber sie waren nicht «von der Welt» (Joh 17, 11.14). Sie haben die damalige Lebenswelt und ihre Bräuche also gekannt, aber letztlich dazu, um diese Welt bekehren zu können, um sie zu Christus führen zu können. Gerade das Elfenbeinkästchen, das aus der Gründungszeit des Bistums, dem 5. Jahrhundert, stammt und das nun im Domschatzmuseum wieder zu sehen ist, kann illustrieren, was gemeint ist: Dieses Kästchen diente ursprünglich dazu, Arzneien aufzubewahren. In christliche Hände gelangt, wurde es dann dazu verwendet, um Reliquien aufzubewahren, die an einen Heiligen erinnern und damit an unsere eigene Berufung, heilig zu werden.
          In diesem Sinn hat die Kirche von Chur seither gehandelt, wenn sie selbst geistlich gesund war. Sie hat die Lebenswirklichkeit, wie sie sich in 1600 Jahren entwickelt und immer wieder gewandelt hat, zu verstehen versucht. Die Kirche hat das, was davon gut war, bewahrt und veredelt. Man sieht es an den vielen Objekten des Domschatzmuseums: die wertvollsten Werkstoffe ‒ Gold, Silber oder Elfenbein ‒ wurden verwendet, um daraus Kunstwerke zur Ehre Gottes zu schaffen. Die Handwerkskunst aller Zeiten wurde dienstbar gemacht, um sakrale, dem Heiligtum dienende Kunstwerke zu schaffen. Die Kirche von Chur hat sich also nicht dieser Welt angeglichen, sondern ganz im Gegenteil: Die Güter dieser Welt wurden in den Dienst Gottes und seines Lobes gestellt.
          Worum es geht, hat das II. Vatikanische Konzil sehr schön gesagt: «Die Kirche, die im Lauf der Zeit in je verschiedener Umwelt lebt, nimmt die Errungenschaften der einzelnen Kulturen in Gebrauch, um die Botschaft Christi in ihrer Verkündigung bei allen Völkern zu verbreiten und zu erklären, um sie zu erforschen und tiefer zu verstehen, um sie in der liturgischen Feier und im Leben der vielgestaltigen Gemeinschaft der Gläubigen besser Gestalt werden zu lassen» (Gaudium et Spes 58). Aber die Kirche gleicht sich dabei eben nicht dieser Welt an, denn dann würde ja das Evangelium verraten. Papst Franziskus hat in seinem Schreiben «Evangelii Gaudium» ausdrücklich davor gewarnt, wenn er schreibt: «Manchmal verfallen wir in der Kirche der selbstgefälligen Sakralisierung der eigenen Kultur, und damit können wir mehr Fanatismus als echten Missionseifer erkennen lassen» (EG 117). Der Papst folgt damit dem II. Vatikanische Konzil, das schon gesagt hatte: «Zugleich ist die Kirche zu allen Völkern, welcher Zeit und welchen Landes auch immer, gesandt, jedoch an keine Rasse oder Nation, an keine besondere Art der Sitte, an keinen alten oder neuen Brauch ausschließlich und unlösbar gebunden» (GS 58).
          Die Objekte unseres Domschatzmuseums bringen also zum Ausdruck, dass die Kirche von Chur immer missionarisch gewesen ist, von unserem Herrn Jesus Christus zu den Menschen gesandt. Sie hat ihnen die frohe Botschaft des Evangeliums gebracht. Jesus, Gott und Mensch, hat unsere Menschennatur angenommen. Er hat mit uns gelebt, damit wir dereinst mit ihm leben in Gottes Ewigkeit. Das ist die Botschaft, welche die Kirche von Chur seit 1600 Jahren verkündet.
Die Kirche muss dazu immer wieder neue Wege finden, auch heute, ohne in der sie umgebenden Kultur aufzugehen, ohne sich dieser Welt anzugleichen. Es geht um das, was Papst Franziskus in «Evangelii Gaudium» so treffend gesagt hat: «Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient» (EG 27).
          Freuen wir uns heute an unserem neuen Domschatzmuseum. Danken wir allen Menschen und Institutionen dafür, die es möglich gemacht haben, dass wir das Museum nach langer Planung und Bauzeit eröffnen können. Sehen wir darin sicher auch eine grosse und glorreiche Vergangenheit der Kirche von Chur abgebildet. Und danken wir Gott für das jahrhundertelange Glaubenszeugnis zahlloser Christinnen und Christen, für das die Objekte dieses Museums stehen. Aber seien wir uns zugleich auch bewusst: Was in diesem Museum gezeigt wird, ist immer auch ein Auftrag an uns alle, für heute und morgen: Auch wir sollen in unserer Zeit nach Kräften versuchen, diese Welt zu kennen und sie durch unser Glaubenszeugnis christlich zu prägen und zu verwandeln. Denn auch wir alle, Bischof, Priester, Diakone und Laien ‒ Männer und Frauen ‒ sind, wie Papst Franziskus sagt, zur «Evangelisierung der heutigen Welt» aufgerufen. Die Schönheit der Objekte des Domschatzmuseums werden uns dabei helfen, indem sie etwas von der Schönheit Gottes durchscheinen lassen. Genauso wie das kunstvoll verarbeitete Gold, Silber oder Elfenbein die Menschen etwas von Gottes Glanz erahnen lassen, so soll unser Zeugnis, unser Sprechen und Handeln etwas von Gottes Liebe durchscheinen lassen, zum Lobe Gottes und zum Heil der Welt. Amen.

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