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Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich der Eröffnung des Studienjahrs 2018/2019

Brüder und Schwestern im Herrn

Die heilige Hildegard, 1098-1179: Nonne, Äbtissin, Dichterin, Mystikerin, Bußpredigerin, Kirchenlehrerin! Diese Frau steht heute am Anfang des Studienjahres 2018 / 2019. Was könnte das für uns bedeuten? Was hat sie uns zu sagen?
        Wir dürfen die heilige Hildegard unter jene klugen Jungfrauen des heutigen Evangeliums einreihen, welche mit brennenden Lampen dem Bräu­tigam entgegengehen. Mt 25,1-13 wurde gewiss mit dieser Absicht ausgewählt. Dieses Gleichnis macht uns darauf aufmerksam, dass es in unserem Leben Vorkommnisse gibt, bei denen es nicht mehr möglich ist, eine Teilung vorzunehmen. Jeder muss sein eigenes Öl zur Verfügung haben. Jeder muss nachrechnen, ob sein eigenes Öl ausreicht. Er kann das fehlende nicht bei einem Nachbarn oder bei einer Nachbarin abrufen.
        Wir können dieses Gleichnis daher dahin deuten, dass es in meinem Leben eine Begegnung mit dem Herrn gibt, für die ich die volle persönliche Verantwortung trage und auf mich nehmen muss. Für die ich bereit sein muss. Der ich mich persönlich stellen muss. Für die ich nicht mehr die Hilfe von rechts oder von links beanspruchen kann, weil es heißen würde, es reiche dann weder für uns noch für euch (Mt 25,9). Niemand kann mich bei dieser Begegnung mit dem Herrn vertreten. Ich ganz persönlich muss für dieses Ereignis bereit sein, wenn ich nicht vor verschlossener Türe (Mt 25,10) stehen möchte.
Wie kann ich mich auf dieses Ereignis einstellen? Das Evangelium spricht eben von den klugen Jungfrauen. Ich muss klug sein, klug vorgehen. Das bedeutet zunächst: Ich muss um das Ziel wissen, wohin mein Weg führt und von dort her dann die „Fahrzeit“ berechnen. Das ist Klugheit. Inzwischen kennen wir solche klugen Maßnahmen durch den Einbau von Navigationssystemen in unseren Fahrzeugen. Durch ein solches System können wir im übertragenen Sinn den „Ölverbrauch“ unseres geistigen Leben berechnen.
        Die heutige Lesung, Weish 8,1-9, führt solche kluge Berechnungen auf die Weisheit zurück. Wenn Klugheit wirksam ist, wer in aller Welt ist ein größerer Meister als sie (Weish 8,9), als die Weisheit? Weisheit, ein öfter gebrauchter biblischer Begriff, ist in sich nichts anderes als der Ausdruck der tiefen Gottverbundenheit und lässt sich sehr oft mit den theologischen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Gottesliebe vergleich­en. Denn die theologischen Tugenden richten den Menschen auf Gott aus, auf das letzte Ziel unseres Lebens. Sie geben dem Menschen Halt in Gott und sind in etwa das Öl der Wachsamkeit, das Öl der Klug­heit.
        Kommen wir auf die heilige Hildegard zurück! Heute finden wir in der Lesehore einen Ab­schnitt aus einem Brief der Kirchenlehrerin an einen Priester namens Werner von Kirchheim. Ich möchte allen diese kurze Lektüre empfehlen. Wir sind erstaunt über die freimütige Rede dieser Heiligen, eine Rede, welche auch in unsere Zeit passt und mit jüngsten Ereignissen in der Kirche in Zusammenhang gebracht werden sollte. Damit sind wir nämlich bei Hildegard, der Bußpredigerin. Die heilige Nonne sagt ganz offen: […] dieses Offenbleiben der Wunden Christi ist die Schu­ld der Pries­ter. Mein Gewand (hier spricht die personifizierte Kirche) zerreißen sie dadurch, dass sie Über­treter des Gesetzes, des Evangeliums und ihrer Priesterpflicht sind. Meinem Mantel nehmen sie den Glanz, da sie die ihnen auferlegten Vorschriften in allem vernachlässigen. Sie beschmutzen meine Schuhe, da sie die geraden, das heißt die harten und rauhen Wege der Gerechtigkeit nicht einhalten und auch ihren Untergebenen kein gutes Beispiel geben.
        Ich meine, zum Öl der klugen Jungfrauen gehört, eben in unserer Gemeinschaft, an der Stätte der Ausbildung für den kirch­lichen Dien­st immer auch die Frage, ob ich die Schuhe der Kirche nicht beschmutze. Ich muss mir als Person, welche in den kirchlichen Dien­st treten will oder welche bereits im kirchlichen Diens­t steht, diese Frage immer wieder überlegen. Ich muss mir die Frage stellen, ob mein Öl bis zur Begegnung mit dem Herrn ausreicht, allenfalls alles tun, damit es ausreicht, eben damit ich nicht jenen Kreisen angehöre, welche dem Mantel der Kirche den Glanz nehmen und ihre Schuhe beschmutzen. Ich muss mir die Frage stellen, ob ich den harten und rauen Weg der Gerechtigkeit einzuhalten vermag und den Untergebenen ein gutes Beispiel geben kann. Das sind Fragen der Klug­heit, Fragen die ehrlich und aufrichtig zu beantworten sind, bevor die Tür zugeschlossen ist. Das sind Fragen, welche das Studium begleiten müssen, auch wenn sie nicht das Studium in sich berühren.
        Die heilige Hildegard fügt der langen Mahnung, ja dem harten Vorwurf an die Priester auch das Zugeständnis bei, und das dürfte uns aufrichten und ermutigen: Dennoch finde ich bei einigen das Leuch­ten der Wahr­heit. Ich wünsche mir, dass dieses Leuchten der Wahrheit auch von Sankt Luzi ausstrahle und durch jene, welche hier ausgebildet werden, in unser Bistum, in unsere Pfarreien, in unsere Gemeinschaften hinein strah­le. Amen.  

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