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Predigt von Bischof Vitus Huonder anlässlich des Jubilarentreffens am Montag, 1. Oktober 2018 in Chur

Meine lieben Mitbrüder,

Theresia vom Kinde Jesus! Gefeiert wurde diese Heilige zunächst am 3. Oktober, gemäß dem neuen Martyrologium am 1. Oktober. Folgende sind die wich­tigsten Lebensdaten der Heiligen: Geboren am 2. Januar 1873, wurde Theresia, die immer eine schwache Konstitution hatte, am 13. Mai 1883 von schwe­rer Krank­heit geheilt. Die Erstkommunion empfing sie am 8. Mai 1884, die Firmung am 14. Juni 1884. Bereits am 9. April 1888 trat sie in den Karmel von Lisieux ein und legte am  8. September 1890 die feierliche Profess ab. ­Am 2. April 1896 erlitt sie einen ers­ten Blutsturz. Im ­April 1897 erkrankte sie schwer. Heimgeholt hat sie der Herr­ am 30. September 1897.
        Der heilige Papst Johannes Paul II. hat Theresia vom Kinde Jesus (von Lisieux) zur Kirchenlehrerin erhoben. Nachdem der selige (heilige) Papst Paul VI. im Jahr 1970 Katharina von Siena und Teresa von Avila diesen Titel verliehen hatte, war Theresia die dritte Frau mit dieser Auszeichnung. Das bedeutet, dass sie der Kirche wichtigste theologische Aussagen hinterlässt. Diese Aussagen bewegen sich vor allem im Rahmen der Spiritualität der Hingabe, der kindlichen Hingabe an Gott, in der Spiritualität des Gebetes, des Gebetes auch als Mittel der Seelsorge und der Glaubensverkündigung und in der Spiritualität der kleinen Dinge. „Klei­ne Seele“, wie sich Theresia nennt, bedeutet nicht einfach den ungebildeten und unkritischen Menschen, sondern jenen Menschen, der einen schlich­ten und nach außen unauffälligen Weg des Glau­bens geht.
        Zur Meditation lege ich, als Nahrung für unsere Seele, einige Zitate aus ihren Briefen vor1. An eine jung verheiratete Freundin schreibt sie: Der Weg, den wir gehen, ist zwar sehr verschieden, das Ziel ist dasselbe. Wir beide dürfen nur ein Ziel haben: uns heiligen auf dem Weg, den der liebe Gott uns vorgezeichnet hat […] Oh! Wie schön ist unsere Religion. Anstatt die Herzen zu verengen (wie die Welt meint), erhebt sie diese und macht sie fähig zu lieben, zu lieben mit einer fast unendlichen Liebe, denn sie soll ja über dieses sterbliche Leben hinaus fortdauern, das uns nur gegeben wurde, um die Heimat des Himmels zu erwarten, wo wir alle die geliebten Menschen wiederfinden werden, die wir auf Erden geliebt haben! (Briefe 166, S. 243)
        Einem Seelsorger (Missionar) teilt sie mit: Ich bin wirklich glücklich, mit Ihnen für das Heil der Seelen zu arbeiten; dazu bin ich Karmelitin geworden. Da ich nicht Missionarin der Tat sein kann, wollte ich es sein durch Liebe und Busse, wie die Heilige Teresa, meine seraphische Mutter. (Briefe 189, S.285)
        Einem Schreiben an einen Priester (Missionar) entnehmen wir: Arbeiten wir miteinander für das Heil der Seelen. Wir ha-ben nur den einzigen Tag dieses Lebens, um sie zu retten und so dem Herrn Beweise unserer Liebe zu geben. Der folgende Tag ist die Ewig­keit, dann wird Ihnen Jesus die so innigen und berechtigten Freuden, die Sie ihm geopfert haben, hundertfach vergelten. Er kennt das Ausmaß ihres Opfers. (Briefe 213, S. 324)
        Schwester Léonie teilt sie mit: Ah! wenn es darauf ankäme, große Dinge zu vollbringen, wie sehr wären wir zu bedauern? […] Aber wie glücklich sind wir, weil Jesus sich durch die kleinsten Dinge fesseln lässt. (Briefe 191, S. 292)
        An eine Ordensfrau richtet sie die Worte: Jesus fordert keine großen Taten, sondern nur Hingabe und Dankbarkeit […] Bringt Gott Opfer des Lobes und der Danksagung. Das ist alles, was Jesus von uns fordert. Er bedarf keineswegs unserer Werke, sondern nur unserer Liebe, denn der gleiche Gott, der erklärt, er brauche es uns nicht zu sagen, wenn er hungere, scheute sich nicht, die Samariterin um ein wenig Wasser zu betteln. Er hatte Durst … Aber als er sagte: „Gib mir zu trinken“, da war es die Liebe seines armen Geschöpfes, die der Schöpfer des Universums forderte. Er hatte Durst nach Liebe. (Briefe 196, S. 301-302)
        In einem Brief an einen Priester schreibt sie: Es ist wahr, dass man um große Seelen zu finden, in den Karmel kommen muss; wie in den Urwäldern, so gedeihen hier Blumen von einem Duft und einem Glanz, die der Welt unbekannt sind. Jesus wollte in seiner Barmherzigkeit, dass unter ihnen auch kleinere Blumen wachsen. Nie werde ich ihm genug dafür danken können, denn um dieser Herablassung willen stehe ich arme, glanzlose Blume auf demselben Beet wie meine Schwestern, die Rosen. (Briefe 224, S.341)
        Theresia führt uns zu einer für die damalige Zeit erneuerten Spiritualität, von einer Spiritualität, die oft von Furcht und Angst begleitet war, zu einer Spiritualität des Vertrauens. Anders gesagt: Die Gotteskindschaft wird in den Mittelpunkt gerückt. Das Gottesbild verliert an Strenge und Ferne.

        Das dürfen wir in einem Brief Theresias an einen Priesteramtskandidaten erfahren, wo sie über Gottes Gerechtigkeit spricht: Ich weiß, man muss sehr rein sein, um vor dem allheiligen Gott zu erscheinen, aber ich weiß auch, dass der Herr unendlich gerecht ist, und diese Gerechtigkeit, die so viele Seelen erschreckt, ist für mich Gegenstand meiner Freude und meines Vertrauens. Gerecht sein heißt nicht nur, Strenge walten lasse und die Schuldigen bestrafen, das heißt auch, den aufrichtigen Willen anerkennen und die Tugend belohnen. Ich erhoffe von Gottes Gerechtigkeit so viel wie von seiner Barmherzigkeit. Weil Er gerecht ist, ist Er „barmherzig und gnädig“ (Briefe 226, 346).
        Das ist eine bedeutende theologische Aussage, welche die Spiritualität ganzer Generationen geprägt und den Weg zur Gottesbeziehung vor allem auch den Menschen im Alltag geöffnet hat. Deshalb hat Theresia Bedeutung auch für unsere Zeit, vielleicht neuerdings. Wir brauchen ihre Lehre und ihre Spiritualität. Denn sie führt uns zum Kern, zum Eigentlichen und Wesentlichen der Gottesbeziehung und zur Wahrheit: Der Gerechte ist barmherzig, der Barmherzige ist gerecht.
        Ich schließe diese Reihe von Zitaten aus den Briefen der Heiligen mit einem Wort an Pater Roulland: Wegen der Zukunft beunruhige ich mich nicht. Ich bin sicher, dass der liebe Gott seinen Willen tut, das ist die einzige Gnade, die ich verlange […] Jesus hat niemand nötig, um sein Werk auszuführen, und nähme er mich an, so geschähe es aus reiner Güte […] Ich möchte Seelen retten und mich für sie vergessen; auch nach meinem Tod möchte ich Seelen retten. (Briefe 221, S. 337)
        Mit diesen Worten erinnert uns die Heilige an unseren Auftrag als Priester. An den Auftrag, den wir heute ganz besonders in Dankbarkeit bedenken. Diesen Auftrag haben wir immer zu erfüllen, auch als Priester im Ruhestand. Und wer weiß, vielleicht können wir im Ruhestand diesen Auftrag noch besser erfüllen. Der Herr schenke uns dazu seine Gnade. Amen.

1           THERESE MARTIN, Briefe. Deutsche authentische Ausgabe, Johannes-Verlag Leutersdorf  31983

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